Überlebensszenarien

Letzten Samstag traf ich meinen Vetter Rolf im Einkaufszentrum. Er sah gut aus, er war ja schon immer ein quicklebendiger Bursche gewesen, flachsblond und leicht angefettet, aber jetzt schaute er richtig gemästet drein. Im Arm hielt er eine exotische Schönheit; er stellte sie mir auch gleich vor, „das ist meine Novia Blanquita aus Venezuela“, sagte er mit der Miene eines Eroberers, und die schöne Blanquita lächelte mir artig zu. Mit seinen glatten Gesichtszügen, über denen ein leichter, glänzender Schimmer lag, seinen rosigen Backen und seiner quietschfidelen Art kam er daher wie ein wohlgenährtes Schweinchen. „Rolf“, rief ich, „hey, ich dachte du bist im Gefängnis.“

Rolf hatte nämlich ein paar schlimme Geschichten am Hals gehabt. Wir als Verwandte waren natürlich auf seiner Seite und wollten daher von den Einzelheiten nichts weiter wissen. Er war ein gerissener Finanzjongleur, und niemand in unsere Familie verstand seine undurchsichtigen Geschäfte, ja wir wussten gar nicht was er eigentlich machte, aber wir sahen ihn immer frohgemut in Saus und Braus dahinleben, mit schönen Frauen, teuren Autos, in ständiger Partylaune.

Mir war nur bekannt, dass seine zwielichtigen Finanzgeschäfte in letzter Zeit für Ärger gesorgt hatten. Er musste es wohl zu weit getrieben haben. Eine Reihe von Firmen war pleite gegangen, und alle Finger deuteten auf ihn. Die Journalisten waren ihm auf den Fersen, und einige Zeitungen hatten böse Geschichten über ihn verbreitet, sogar auf Seite eins. Nach einem kurzfristig anberaumten, teilweise geheimen Verfahren mit verkürzten Zeugenaussagen war er überraschend schnell zu einem Bruchteil der Gefängnisstrafe verurteilt worden, die der Staatsanwalt beantragt hatte.

„I wo“, sagte er, „nicht auf meinen Ausgängen, für die ich eine Blankogenehmigung von ganz oben habe. Auf diesen Ausgängen kann ich praktisch machen was ich will, solange ich die elektronische Leine nicht abreiße.“ Er nahm mich zur Seite und raunte mir ins Ohr: „Das Gefängnis gehört der GuteLeuteBank. Mit dem Generaldirektor bin ich auf du und du. Er versteht recht gut, dass ich heute drin bin und er draußen und morgen kann’s genauso gut umgekehrt sein. Und weißt du was? Es ist eine der Banken, denen ich ein Unmenge Geld schulde. Die müssen mich behandeln wie eine Made im Speck, sonst kriegen sie gar nichts, verstehst du?“

„Donnerwetter“, sagte ich, „du scheinst ja mal wieder Schwein gehabt zu haben.“ „Kein Schwein“, sagte er, „du musst nur die richtigen Tussies kennen und möglichst vielen Leuten Geld schulden, dann kümmert sich die ganze Welt um dich“. Und wie meistens wenn er redete, tanzten sein Äuglein hinter den Fettwulsten, und sein Grinsen durchzog die ganze Bandbreite menschlichen Wohlbefindens von gutmütigem Gluckern bis zum höhnischen Gelächter.

„Also kein Abu Ghraib“ sagte ich. „Nein“, sagte er, „es gibt zwar auch dunkle Gänge und Zellen, wo die Wärter auch mal zur Keule greifen, aber dort schmachten nur die Armen, die Dummköpfe, die keine Ahnung haben vom Leben und seiner wahren Schönheit. Mit denen habe ich natürlich nichts zu tun, in meiner Abteilung sind wir unter uns, in der Prominentenburg, das war mal ein Adelsdomizil, pickfein, sage ich dir. Ein wahres Luxushotel, verstehst du, es ist wirklich fantastisch, ein ordentlicher Tagesablauf wie in einem Kurort, die reinste Erholung, das ist gut für die Gesundheit und gut für die Geschäfte. Keine Vorhaltungen von der Frau, keine stressigen Probleme mit den Kindern, keinen Streit mit der Freundin, keine nervigen Telefonanrufe, keine Zeitungsschreiberlinge mit dummen Fragen, keine Saufereien mit den Geschäftskumpanen, kein Gericht, Staatsanwälte, Gläubiger oder Gerichtsvollzieher, die mir im Nacken sitzen. Ach, alles ist schön geregelt“, rief er tänzelnd, während die liebliche Blanquita sich in seinen Armen wog, „und meine Rechtsanwälte wachen über mein Wohlergehen, dieweil ich mit meinen Geschäftsfreunden drinnen und draußen das Geschehen vorantreibe. Während der Woche werde ich sozusagen ordentlich betreut und am Wochenende schieße ich los, voller Energie. Es ist praktisch das gleiche wie draußen, nur mit umgekehrten Vorzeichen, aber du weißt schon, minus mal minus gibt plus und von der Differenz lebe ich, und darüber hinaus ist es viel ruhiger, ach ja, im Grund ein Paradies“.

„Wir werden einen Wolkenkratzer in Taiwan bauen“, sagte er, „direkt in der Downtown von Taipeh, trapezförmig, mit rotierenden interaktiven Plattformen, ein virtuelles Multimedia Cyber-Erlebnis, alles schon finanziert. Ich habe ein ganzes Konsortium hinter mir, denen sitzt allen die Angst im Nacken, dass ich Konkurs anmelde, also füttern sie mich mit Hingabe. Das ist Liebe in der heutigen Zeit!“ Er begann mir sein Projekt auseinanderzusetzen, ergoss einen Wortschwall über mich, ruderte mit den Armen, sprang von einem Fuß auf den andern, streute seine Lieblingsfloskeln ein, „sage ich dir“ und „verstehst du“ und „so macht man das“ und „kannst du dir das vorstellen?“, und „die Welt wird staunen“, und „so was war noch nie da“, und ich schaute mich um, suchte nach einem Abgang, winkte ein Taxi heran, „ich muss weiter lieber Rolf, die Kinder warten auf mich.“

„Rolf“ sagte ich beim Weggehen, „mit dir wird’s noch mal ein schlimmes Ende nehmen.“ Er lachte, „macht nichts“, rief er mir nach, „wenn du genau hinschaust, nimmt es nicht mit allen von uns ein schlimmes Ende?“ Ich sprang ins Taxi und seine Worte klangen mir nach, verfolgten mich den ganzen Tag. Hier rackert man sich ab und versucht ein rechtschaffener Mensch zu sein, und was kriegt man dafür? Nimmt es nicht mit uns allen ein schlimmes Ende? Rolf hatte mir meinen Tag verpatzt, und ich wollte ich hätte ihn nicht getroffen.

San Francisco

San Franciso. Krumme, bucklige Strassen, Häuser mit Gesichtern. Häuser, die Grimassen schneiden, wenn du bei ihnen vorbeischaust, vor allem die an den Ecken, den verbogenen und verwinkelten und verzwickten Ecken. Verwunschene Gassen mit Bauten, die herumstehen wie Zuschauer bei einem missglückten Faschingsumzug, Zerrbilder aus einer wunderlichen Welt. Darüber der Himmel, langgestreckte, düstere Regenwolken, die als Speere aus dem Bereich jenseits des Postkartenrandes eindringen, unaufhörlich, unaufhaltsam.

Die Wolken werden dicker und dunkler; sie rollen sich zu einem Unwetter zusammen. Bald platzt der Himmel, Blitz, Donner und Regen fegen durch die Straßenklüfte und Häuserritzen. „Das macht mein heutiges Unterfangen noch vertrackter“, denke ich. Ich bin gerufen worden um diesen Lastzug in Gang zu bringen, der in eine der steilen Gassen geraten ist und an einer verschachtelten Ecke bergaufwärts eingeklemmt hockt, fettglänzend und aufgebläht in einer Geisterwelt, mit einer überdimensionalen Schnauze, die laut und frech gegen den Himmel ragt.

„Are you ready to mount the rig“? frägt der Fahrer, ein junger Bursche mit einem hübschen, weichen Bubengesicht, ja, den Lastzug besteigen, und ihn aus dieser Hexengruft herausmanövrieren. „Wenn ich ihn nur wie einen Berg besteigen könnte“, denke ich mir, „dann wollte ich mit Lust und Liebe ans Werk gehen, aber wir haben es hier mit der vertrackten Technik zu tun, mit den wunderbaren technischen Errungenschaften unserer Zeit“. Laut sage ich jedoch: „Ich bin Spezialist für solche Sachen“, und ich lache rau, während ich mich bereits ins Führerhaus schwinge, „das liegt in der Familie, das haben schon unsere Vorväter gemacht, aber mit Panzern damals im Osten, und rückwärts den Berg hinauf durchs Gestrüpp, während es links und rechts Bomben hagelte. Wenn du das einmal gemeistert hast, den Kampf um dein Leben im Rückwärtsgang, während du den Kopf fast aus der Luke herauswindest und nach hinten verdrehst und versuchst den niederprasselnden Bomben auszuweichen, na ja, dann kann dich nichts mehr umwerfen. Alles hängt ja vom feingliedrigen Zusammenspiel von Kupplung und Gas ab, und von der gleichzeitigen Steuerung natürlich, sowie von deiner Gelenkigkeit zusammen mit der Fähigkeit nicht auszurasten. Deine Füße und Hände müssen praktisch ein Eigenleben führen, in eine hochempfindsame, wildkünstlerische Jongleurtrance von Feinfühligkeit und Einstimmigkeit abgleiten, während dein Herz gegen den Himmel blutet in einer Welt, die um dich herum in Flammen aufgeht, indessen dein Gehirn erfriert“.

„Also“, sage ich, „wie kommst du überhaupt hierher, das sind doch keine Straßen für einen achtzehnrädrigen Lastzug, noch dazu mit voller Ladung, das ist ja von der Polizei verboten“. „Ich wollte eine Abkürzung einschlagen“, sagt der Bursche kleinlaut, „auf der Karte sah alles so einfach aus, und dann geriet ich in den Wirrwarr von Bergen und Baustellen und Bauhügeln und Absperrungen und aufgestauten Autos und Einbahnstrassen und Sackgassen und Katzen im Sack und Straßenkötern und Kanalkröten und Maulwürfen und Menschenknäuel bis es nicht mehr weiterging“. „Ja auf der Karte“, sage ich. „Und was ist denn mit der Handbremse los?“ „Die Handbremse schlug Funken und ist ausgebrannt“, sagt der Bursche, „ich habe die Räder des Lastzugs gegen den Rinnstein gedreht und der erste Gang ist auch verkorkst“. „Ach so“, sage ich, während ich auf Bremse und Kupplung trete, die Gänge anpeile, den Motor aufheulen lasse und sozusagen als Startzeichen noch mal die schlabbrige Handbremse löse. „Den Berg hinauf ist das Leben am schwersten“, denke ich, während ich das riesige Steuerrad umarme, „vor allem in den Kurven, den Haarnadelkurven, wo du in der Kurve stecken bleibst mit dem Abgrund vor dir und einer grölenden Menschenmenge hinter dir, und am schlimmsten ist natürlich das Anfahren am Berg, wenn sich der Verkehr um dich herum aufstaut und dir keiner hilft und die ganze Ladung glitschig und nass nach unten zieht wie jetzt“.

Während meine Füße die Pedale balancieren und mein Kopf zum Fenster heraushängt, um die Lage abzuklären, schaffe ich es, ein Dutzendmal vor und zurück zu manövrieren, während ich Zentimeter um Zentimeter an Raum gewinne, bis ich die verkrusteten Ecken und Bögen aufbrechen und vom Bordstein abheben kann. Langsam kommen wir in Fahrt, tuckern an quergestellten Bauten vorbei und eingequetschten Personenwagen und ferngesteuerten Menschen, geschlachteten Haustieren und verschüttetem Müll bis wir jenseits der Kuppe zu schweben anfangen, ins Tal, zum Meer hin, zum Meer.

Später parken wir an der Strandpromenade und schauen auf den Ozean hinaus, wo der Sturm rast und die Wellen vor sich hertreibt bis sie nahe am Ufer einstürzen.

„Also das ist schon unglaublich wie du das geschafft hast“, sagt mein Begleiter bewundernd, „ohne Handbremse gegen den Berg und im strömenden Regen mit der ganzen Ladung, die dich nach unten zieht“. „Erzähl mir lieber etwas über San Francisco“, sage ich, „ich höre alle sind gay“. „Ja“, sagt er, „die meisten sind gay, wir sind eine große Familie. Aber du musst das g weicher aussprechen“. „G a y“, sage ich. „Nein“, sagt er und lacht, „viel, viel weicher“, während er mir mit der Hand sanft über die Haare streicht und mich mit liebevollen braunen Augen anschaut. „Glaube mir, wirklich, allein hätte ich das nie geschafft“. „Ja“, sage ich, „meine Aussprache ist etwas holprig aber dafür kann ich Lastzüge und ähnliches Getier aus dem Schlamassel manövrieren“. „Oder Panzer, sogar rückwärts den Berg hinauf“, sagt er.

„Lass uns zum Meer runtergehen“, schlage ich vor, und während wir hinunterschlendern, ergreift er meine Hand und drückt sich an mich wie ein Mädchen. Ich reiße mich los und rufe „Oder gegen den Sturm anschwimmen und durch die Wellen tauchen“, streife die Kleider ab, laufe auf das Wasser zu und werfe mich ins tobende Meer.

Maximilian, der Lichtmaler

Maximilian, der Lichtmaler

Wo ist die Suche nach einem Namen?

Maximilian Robert Arnold Bender wurde an einem trüben Novembertag im letzten Jahr des vorletzten Jahrhunderts in der schwäbischen Kleinstadt Schorndorf geboren. Er war das Jüngste in einer Reihe von elf Kindern, ein untergewichtiger Nachzügler, von dem niemand große Taten erwartete. Seine Eltern waren arme, bittere und strenge Leute. Sie brachten ihre Kinder schlecht und recht von dem durch, was ihre bescheidener Krämerladen am Marktplatz hergab: Gerade genug für Nahrung und Kleidung, Schulbesuch und Kirchgang und sonntags einen halben Pfennig für türkischen Honig.

Schon früh wurden den Kindern die klassischen preußischen Tugenden der Untertanen im deutschen Kaiserreich eingetrieben: Fleiß und Ordnungssinn, Gehorsam und Pflichtgefühl, Tugenden, die gerade in diesem Teil der deutschen Lande eine unübertroffene Vollendung feierten. Doch während seine Geschwister nach den unvermeidlichen Kinderkrankheiten mit starrem Blick die vorgezeichnete Bahn verfolgten, schien Maximilian fast vom ersten Atemzug an aus der Reihe zu fallen. Nicht dass er ein Rebell gewesen wäre – dazu war er zu weich und spielerisch. Er entzog sich schlicht allen Erwartungen, auch wenn sie noch so niedrig angesetzt schienen.

Niemand konnte etwa eine Ähnlichkeit zwischen dem jungen Maximilian und anderen Mitgliedern der Sippschaft ableiten, so sehr man sich auch Mühe gab. Seine Augen waren von einem ungekannten samtenen Braun, und seine dunklen Haare nahmen zum Befremden aller ein unverständliches Kräuseln an. Während sich seine Geschwister dem breitknochigen Menschenschlag ihrer Gegend nach zäh und stetig entwickelten, schoss Maximilian hoch auf und blieb zeitlebens dünn. Das trug ihm bald den Spitznamen "Bohnenstange" ein. Er war blass und hatte keine Freude am Essen. Manchmal schob seine vergrämte Mutter ihrem Jüngsten in einem Anflug von Zärtlichkeit einen besonderen Bissen hin. Dann nahm er zwar willig an, aber sein Mund verriet kein Verlangen, und seine Augen zeigten keinen Glanz.

Auch in der Schule bescherte Maximilian seinen Eltern nur Verdruss. Er kam nicht recht mit. Seine Blicke pflegten durch die Fenster des Klassenzimmers zu wandern zu den nahen Weiden und Hügeln und zu den gegen den Horizont ziehenden Wolken. In solchen Augenblicken ergriff ihn ein allumfassendes, namenloses Fernweh. Er schwebte durch das Fenster des Klassenzimmers, ließ Schule und Stadt weit hinter sich und flog mit den Wolken am Himmel dahin. Nicht selten geschah es, dass der Lehrer sich lautlos an ihn heranschlich, mit donnernder Stimme aus seinen Träumen riss, ihn am Kragen aus der Bank zerrte und ihn unter dem Gewieher der ganzen Klasse verhöhnte.

Wenn er dann schlechte Noten nach Hause brachte, durchbohrte sein Vater ihn mit bösem Blick und brach in jähen Zorn gegen seinen unseligen Sprössling aus. Oft griff er zur stets bereitgehaltenen Peitsche im Besenschrank und schlug so lange auf seinen Sohn ein, bis der im Flur des Hauses zusammenbrach. Dann lief Maximilian laut heulend auf die Straße hinaus und wurde zum Gespött der Nachbarskinder. So entwickelte er sich zum Einzelgänger, der allen aus dem Weg ging, und mit dem niemand etwas anzufangen wusste.

An den sonnigen Nachmittagen fand man ihn bei den Schafherden im Remstal, oder er erklomm allein die Berge der Nachbarschaft, um stundenlang den Blick nach Süden schweifen zu lassen, über die weite Landschaft der Schwäbischen Alb. Andere Male strich er rastlos auf dem kleinen Bauernhof seiner Großeltern umher. Er liebte es, heimlich, wenn alle auf dem Feld waren, in den Schränken und Schubladen herumzustöbern auf der Suche nach irgendeiner ungekannten Erfüllung.

Eines Tages entdeckte er in einem Schrank auf dem Bauernhof seines Großvaters einige Reise- und Abenteuerbücher. Von da an verbrachte er viele Stunden auf dem Heuboden und fraß sich durch die fantastischen Berichte von englischen Seefahrern und kalifornischen Goldgräbern. Kalifornien! Was für ein herrliches Land musste das sein, ein Land, in dem jeder sein eigenes Glück schaffen konnte, allein mit sich und dem Schicksal, frei von den dummen Zwängen der Eltern und Pfarrer, Nachbarn und Schulmeister. In diesen Stunden flossen die glühenden Ströme eines unbefriedigten Herzens zum Traumbild dieses Landes zusammen, das ihn nicht mehr loslassen sollte.

Nachdem Maximilian zwölf Jahre alt geworden war, nahm ihn sein Vater aus der Schule und steckte ihn zu einem Gärtner am Stadtrand in die Lehre. Der Gärtner war ein übler Prügelmeister. Als Maximilian eines Abends zerschunden und todunglücklich nach Hause kam und sich verängstigt ans Fenster in der Wohnstube drückte, geschah etwas Merkwürdiges. Er sah den drohenden Blick seines Vaters wieder einmal auf sich lasten, und mit der Hellsichtigkeit eines Sehers und mit unmittelbarer und unwiderruflicher Gewissheit erkannte er in diesem Augenblick, dass er nie, sein ganzes Leben lang nicht, was immer er auch tun wollte, die Gunst dieser Menschen erringen würde. In derselben Nacht noch packte er sein Bündel, schlich mit bebendem Herzen durch die Hintertür und stahl sich auf Seitengassen aus der Stadt hinaus. Sein Plan war gefasst: Er wollte nach Kalifornien auswandern.

Ein paar Wochen später tauchte er in Köln am Rhein auf, wo er einen freundlichen Meister fand, der ihn mit Geduld und Wohlwollen in die Kunst der Lichtbildnerei einwies. Die Lichtbildnerei, die in den späteren Jahren den Namen Fotografie erhalten sollte, war damals in Deutschland eine geheimnisvoll neu aufstrebende Kunst und übte auf den jungen Maximilian vom ersten Augenblick an eine eigenartige Faszination aus. Er liebte es, mit den Platten und Säuren in der Dunkelkammer zu hantieren und spürte jedes Mal eine aufregende, schöpferische Befriedigung, wenn er den Elementen nach Kämpfen mit Licht und Schatten schließlich das fertige Bild entrungen hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Maximilian eine Aufgabe gefunden, die ihm Freude machte.

Die Freude währte nur zwei Jahre. Dann wurde der freundliche Herr in politische Intrigen mit katholischen Kreisen verstrickt und musste seinen Laden schließen. Maximilian erinnerte sich seiner alten Träume, die er im Grunde nie hatte fallen lassen. Von einem Kunden seines Meisters hörte er, dass von der südenglischen Hafenstadt Southampton in großer Zahl Schiffe, meist Kohledampfer, nach Amerika ausliefen. Er fasste den Plan, irgendwie – wenn es sein musste als blinder Passagier – auf einem dieser Dampfer nach Amerika zu gelangen. Er strich die paar in seiner Kölner Lehrzeit angesammelten Goldmark zusammen und brach auf. In den folgenden Wochen sehen wir ihn zu Fuß durch die frühlingsfarbene flämische Ebene ziehen. Mitte Mai 1914 erreichte er Ostende und einen Monat später kam er per Schiff in Southampton an.

Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet, und am 4. August erklärte England den Krieg gegen die Mittelmächte. Drei Tage später wurde Maximilian als feindlicher Ausländer verhaftet und in ein Internierungslager bei London eingeliefert.

Die Internierungszeit war, nach Maximilians eigenen anspruchslosen Maßstäben, einigermaßen erträglich, vor allem wenn er daran dachte, dass alle seine älteren Brüder in den Krieg gerissen wurden. Das Essen war schlecht, aber regelmäßig, und er schätzte die Tatsache, dass für das Nötigste gesorgt war. Niemand war auf die unerwünschten Ausländer vorbereitet, und man gab ihnen alle Arten von Hilfsarbeiten, um sie beschäftigt zu halten. In ihrer reichlichen Freizeit spielten sie Fußball, und Maximilian brachte es bald zu einem rührigen, flinken Linksaußen, der herrliche Flankenbälle vors Tor geben konnte.

Als der Krieg endete und sich die Tore des Internierungslagers öffneten, stürzte Maximilian mit dem Drang eines hungrigen Wiesels in die Freiheit hinaus. Er bewarb sich sogleich beim amerikanischen Konsulat um Papiere. Aber dort wies man den heimatlosen Jungen mit Achselzucken ab. Da stand er allein im fremden Land mit brennendem Herzen und leeren Taschen, bereit, jeder Gebärde des Schicksals zu folgen.

In den Kensington Gardens traf er einen umherziehenden Lichtbildner. Maximilian schloss sich an. Von nun an streifte er durch die Londoner Parks und Straßen und bot den Passanten an, sie für billiges Geld abzulichten. Bei ihrer gemeinsamen Arbeit machte er die Bekanntschaft einer Dame der Gesellschaft, die ihn liebgewann. In diesem Frühjahr lernte Maximilian die Liebe kennen in den Armen einer reifen Frau.

Die Dame hatte eine Erbschaft gemacht und plante eine Seereise in die Karibik, auf der Maximilian sie begleiten sollte. Der sah sich seinem Traumziel Kalifornien gewaltig näherkommen und willigte sofort ein.

Nachdem die mexikanische Revolution endgültig gesiegt hatte, und die Landesgrenzen wieder offen waren, machten sich die beiden auf die Reise. Ende 1920 trafen sie in der Hafenstadt Veracruz an der Karibikküste ein. Maximilian ließ bald seine vornehme Frau in den langweiligen Hotelbars der Reichen zurück und mischte sich lieber in die lebenslustige Menge der ständig ankommenden und abfahrenden Seeleute. In der ersten Zeit durchstreifte er mit den Matrosen die öffentlichen Etablissements an den Hafenbecken. Doch bald hörte er von den verschwiegenen casas de baile am Rande der feuchtheißen Tropenwälder, zu denen man von den Kutschern buntbemalter Pferdestärken gegen billiges Geld gebracht wurde. Nacht für Nacht fegte er jetzt dort über die Tanzböden und schwelgte mit der heißen Gier eines Zukurzgekommenen in den Armen der üppigen Putas, die den schüchternen, liebeshungrigen Gringo an ihr mitfühlendes Herz zogen und zu Spottpreisen zwischen ihren Brüsten und Schenkeln verhätschelten.

Die folgenden Jahre in Maximilians Leben verschwimmen im Nebel der Zeit. Es ist bekannt, dass er sich schließlich, als das Geld ausging, aus den liebevollen Umarmungen der Mädels in den casas de baile löste und nach Mexiko-Stadt aufmachte. Er bestieg den Popocatépetl und Iztaccihuatl, und es liegen zwei verblichene Lichtbilder vor, wo er auf einem Ausflug mit einigen jungen Burschen, offensichtlich Nordamerikanern, mit kameradschaftlichem Gehabe posiert. In dieser Zeit lernte er auch seinen Freund aus Palo Alto in Kalifornien kennen, mit dem er viele Jahre lang Briefe wechseln sollte. Einer dieser Briefe, in dem sich sein Freund nach seinen kalifornischen Reiseplänen erkundigt, ist noch erhalten. Es sind auch zwei Ansichtskarten vorhanden, auf denen Wahrzeichen San Franziskos zu sehen sind, Coit Tower, das Ferry Building mit der Golden Gate Brücke im Hintergrund.

Wir wissen, dass sich Maximilian Ende 1929, kurz nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, in der mexikanischen Stadt Guadalajara im Staat Jalisco niederließ. Er wohnte in der Calle Angulo, nahe der Avenida Federalismo und hatte sich inzwischen seine eigene lichtbildnerische Ausrüstung angeschafft. Viele Jahre sah man ihn nun, seine Dienste als Lichtbildner anbietend, im Parque Agua Azul, einem beliebten Vergnügungspark am südlichen Stadtrand Guadalajaras herumstreifen. Er gehörte bald zu den vertrauten Figuren in diesem Park.

Er verstand sich insbesondere mit den Kindern. Diesen lebhaften, lärmenden, in bunten Scharen herumtobenden Jungen und Mädchen fühlte er sich auf instinktive Weise zugetan. Er zog sie mit freundlicher Geste an sich, scherzte mit ihnen, und nahm sie doch auch wieder auf seltsame Weise so vollkommen ernst, dass sie nicht mehr von seiner Seite wichen.

Hier, unter dem südlichen Himmel und inmitten der Kinder, blühte Maximilian auf. In ihrem Kreis schien der Entwurzelte an Zuhause zu finden, und ihr klingendes Lachen entschädigte ihn für die freudlosen Gesichter seiner eigenen Kindheit. Seine Scheu verging, und seine Zunge löste sich. Mit Vergnügen erzählte er Geschichten von fernen Ländern über dem Meer und beschrieb in grellen Farben die abenteuerlichen Reisen, die ihn in diese Gegend gebracht hatten. Die kleinen Zuhörer hingen fasziniert an den Lippen dieses schlanken, hellhäutigen Mannes mit dem fremdländischen Akzent und überschwemmten ihn mit tausend gierigen Fragen, die er mit Geduld und Sorgfalt beantwortete.

Die Kinder, die nach hispanischer Sitte immer hübsch herausgeputzt waren, und der Stolz ihrer Eltern zu sein pflegten, boten ihm die prächtigsten Motive, die er sich nur wünschen konnte. Er nahm sie auf, wo immer sie gingen und standen, Lichtbilder in endloser Folge: Manolito auf dem Pony, Rosita am Rande des Springbrunnens, Camilo auf der Lokomotive, Juanito mit dem Dreirad, Chole auf der Schaukel, Luis mit der Geburtstagstrompete, Alejandro beim Verspeisen eines riesigen Churros, Margarita auf der Brüstung der kleinen Steinbrücke, Jesus im Gerangel mit einem Schwung fortfliegender Ballons, Maria Dolores im weissen Kleid der ersten Kommunion, Enrique und Chagua auf dem Karussell, Carmen mit bunter Schleife im Haar beim Füttern der Schwäne, Gabriela und Antonio auf der Rutschbahn, Yolanda im Meer der Geranien vor dem Wasserfall, Eduardo und Pepita von einer Wolldecke umrahmt auf den Stufen zum Pavillon, Loli, Carlos und Paco auf der Bühne zwischen den Mariachigeigern – eine überschäumende Flut ständig auftauchender und vergehender Kindergesichter und Kinderseelen.

Über seine jungen Kameraden machte Maximilian die Bekanntschaft der Eltern, die meist den oberen Schichten Guadalajaras angehörten. Sie ließen ihn, wenn er die Bilder vorbeibrachte, freundlich in ihre Häuser ein und schwatzten gerne mit dem weitgereisten, europäischen Lichtbildner, dem Freund ihrer Lieblinge. So wurden Maximilian die Türen der Reichen und Mächtigen der Stadt geöffnet, wenn er sich auch nicht zu ihren Kreisen zählen konnte.

Aus Liebe zu den Kindern und zu seiner Kunst versuchte Maximilian die Qualität seiner Arbeit ständig zu verbessern. Eines Tages erinnerte er sich an eine Technik, die ihm noch sein freundlicher Meister in Köln beigebracht hatte. Er brachte Pinsel und Farben bei und machte sich daran, von den Konturen her seine Lichtbilder in luftigen Pastelltönen einzumalen, rosarot und hellblau, karmin und orange, grün und gelb. Er suchte diese Farben geschickt aus, setzte sie weich nebeneinander und ließ sie, den sanften Strömungen seiner Seele folgend, zu immer neuen Farbläufen zusammenfließen. Beglückt hielt er die ersten Schöpfungen in den Händen und brachte sie noch am selben Tag zu seinen Kunden. Dort wurden die Bilder unter lebhaften Ausrufen der ganzen Verwandtschaft von Hand zu Hand gereicht. Die Familien waren entzückt und geschmeichelt von der farblichen Verklärung ihrer niños, und das Lob seiner Kunst wollte kein Ende finden.

Beschwingt eilte Maximilian nach Hause und machte sich daran, alle Bilder, deren er habhaft werden konnte, zu bemalen. Bald gingen die Bestellungen in solchen Mengen ein, dass er ein kleines Geschäftslokal an der Kreuzung der Avenida Juarez und der Avenida 16 de Septiembre mieten musste. Ein stolzes Schild "Maximilian Bender – Pintor de la Luz", Lichtmaler, pries seine besondere Kunst. Er stellte einen Helfer an, den er in die Verfahren der Entwicklung einwies, sodass er freie Hand für die Lichtmalerei bekam. Viele Stunden verbrachte er nun auf der Azotea seines Studios über dem Häusermeer der Stadt, in einem strömenden Rausch von Bildern, Farben, Sonne und Himmel. Er lernte bald, den Pinsel so geschickt zu handhaben, dass er die von ihm aufgenommenen Kinder nicht nur durch einen zarten Farbreigen verklärte, sondern auch ihre besonderen Züge, die ihm durch seine Begegnungen im Park vertraut waren, mit sicherem Instinkt heraustupfte. So hauchte er diesen Lichtbildern Seele ein, die Freude und Trauer seiner eigenen Seele und die Kraft und Zerbrechlichkeit der Kinderseelen.

Jahre vergingen. Maximilian lebte einigermaßen froh dahin und widmete sich der Lichtmalerei mit Hingabe. Aber war er glücklich? Nein, glücklich war er nicht. Obwohl er sich vielleicht noch nie so zufrieden fühlte wie gerade in diesen Jahren, quoll noch immer seine Sehnsucht nach Kalifornien in unberechenbaren Zeitabständen empor. Er sprach auch mehrmals beim nordamerikanischen Konsulat in der Calle Progreso vor, wo man dem einzelgängerischen deutschen Künstler mit den unklaren Vermögensverhältnissen nicht recht trauen wollte. Schließlich legte ihm ein schlauer Beamter nahe, sich in seinem Heimatland um die Papiere nach USA zu bewerben. In seinem Heimatland? Dort war Hitler an die Macht gekommen, und es herrschte Pogrom und Hass. Eine Reise in diese Heimat war das letzte, was Maximilian im Sinn hatte.

Als der zweite Weltkrieg ausbrach, meldete sich auch seine Familie aus Deutschland wieder. Seine beiden Brüder, die dem ersten Krieg entronnen waren, schilderten mit Stolz ihre Karriere als Ingenieure und arbeiteten – soweit Maximilian das zwischen den Zeilen lesen konnte – an Hitlers Atlantikwall in der Normandie. Er hörte viel von deutschen Siegen und von der Überlegenheit der germanischen Rasse. In den späteren Briefen flaute die Begeisterung ab, und er las nun von erbarmungslosen Bombenangriffen, die über das Land rollten und Städte und Menschen zerfetzten. Dann wurde es still. Deutschland wand sich in Agonie. Ein halbes Jahr nach Kriegsende erhielt er einen Brief, in dem ihm der Tod seiner Mutter mitgeteilt wurde. Sie war in den letzten Kriegstagen bei einem Fliegerangriff in den Trümmern des Hauses am Markt verschüttet worden.

Die Nachricht trieb ihm Schauder durch seinen Körper. Es hatte Zeiten gegeben, da war ihm seine Mutter fast aus dem Sinn gekommen, aber jetzt, angesichts ihres Todes, reagierte er mit der Schärfe eines zu früh entwöhnten Säuglings. Schweißausbrüche überfielen ihn. Seine Hände zitterten. Sein Kopf schmerzte. Des nachts wurde er von den schrecklichsten wiederkehrenden Alpträumen aufgewühlt. Er sah den abgemagerten Arm seiner Mutter aus den brennenden Trümmern herausragen, und dumpfe Hilferufe kamen aus dem Innern der Schuttmassen. Wenn er zur Rettung eilte, stand sie plötzlich dicht vor ihm in der Gestalt einer elenden, knöchernen Hexe mit wahnsinnigen, gelben Augen. Sie krallte ihre Nägel in sein Gesicht, schüttelte ihn durch und kreischte: "Fort, fort!" Da fühlte sich Maximilian aus dem Bett geschleudert, aus dem Zimmer getrieben und aus dem Haus gejagt, und er sah sich wieder auf den Seitengassen aus seiner Geburtsstadt fliehen und auf langen, endlosen Straßen wandern, durch fremde Städte und Dörfer, über Berge und Täler, durch Wüsten und Wälder, immer weiter, Kalifornien entgegen.

Wenn dann Maximilian des morgens seinen regelmäßigen Gang zur Arbeit machte, wusste er, dass etwas geschehen musste. Sein Leben war trotz seiner Lichtmalerei, trotz der Kinder unerfüllt geblieben. Er spürte, dass er sich bald wieder aufmachen musste, um sich in die letzte, unvollendete Phase seiner Odyssee zu stürzen. San Franzisko war noch ganze dreitausend Kilometer entfernt, auf der Karte zum Greifen nah. Wie hatte er überhaupt so lange warten können?

In dieser Zeit setzte der Massenexodus undokumentierter Mexikaner über den Rio Grande del Norte ein. Die meisten strömten zu den Grenzorten Tijuana, El Paso und Laredo, überrannten förmlich die Grenzstationen oder schwammen des nachts durch den Fluss. Viele wurden gefasst und unter Demütigungen abgeschoben. Ein Bekannter Maximilians, der die Grenzsituation aus eigener Erfahrung kannte, wusste einen besseren Weg nach Nordamerika. "Es ist todsicher," sagte er. "Du nimmst den Bus mit dem Schild Tijuana und steigst nach ungefähr 1800 Kilometern in dem kleinen Ort Sonoita am Rande der Wüste von Sonora aus. Du schlägst den Weg nach Westen durch Chaparral und Kakteen ein. Nach fünf Stunden kommst du zu einer Oase, einer Hütte mit dem Namen 'Mi Chulito'. Die geben dir dort was zu Essen und Trinken. Du wartest bis zur Nacht. Dann wanderst du geradewegs nach Norden. Der Grenzzaun ist ganz nah und besteht aus drei Reihen einfachen Drahts. Du schlüpfst durch – y ya está." Du bist jetzt im Organ Pipe Cactus National Monument in Nordamerika. Und er gab Maximilian genaue Anweisungen, wie er von dort in den nächsten Ort mit Namen Ajo in Arizona kommen würde. "Es ist todsicher," wiederholte er, wobei er eine detaillierte Karte der Grenzgegend aus der Tasche zog und sie Maximilian aushändigte.

Alles schien ganz klar und einfach. Aber hatte Maximilian wirklich die Kraft, seine Lebensreise voranzutreiben? War er fähig, die Kinder, sein kleines Studio, seine lichtbildnerische Ausrüstung zurückzulassen, ja vielleicht die Lichtmalerei aufzugeben? Je mehr er darüber nachdachte, desto stärker wurden seine Zweifel. Hatte er nicht einiges erreicht in diesen Jahren? Einen kleinen, bescheidenen Platz gefunden, an dem ihn ein paar Sonnenstrahlen trafen? Wollte er das alles wieder wegwerfen und von vorne anfangen, als sei es sinnlos gewesen? Hatte er nicht manchmal, als Spielerei sozusagen, in den hinteren Zellen seines Gehirns den heimlichen Wunsch verspürt, hier endgültig sesshaft zu werden, vielleicht sogar irgendwann einmal ein kleines Haus zu erwerben und womöglich zu heiraten? Ein Zuhause zu haben, wie es den anderen Leuten selbstverständlich schien? Sollte ihm das nie beschieden sein? Musste er denn immer als Heimatloser durch die Welt ziehen? Und wer wusste schon, ob er in Kalifornien glücklich sein würde? War sein Ziel nicht ein fantastischer Jugendtraum, ein Hirngespinst?

Zu allem Überfluss hörte er von seinem Freund in Palo Alto, dass es für die Lichtmalerei in Nordamerika keine Zukunft gab. Farbfotografie! Die Farbfotografie war im Kommen und schleuderte perfekte, buntglitzernde Bilder auf den Markt. Wer würde dort noch Verständnis für die altmodische Kunst der Lichtmalerei haben? Wollte er dann also die Lichtmalerei fallenlassen und als Fotograf sein Leben fristen? Wieder den ganzen Tag in den Parks herumstreifen, wie früher? Gab es überhaupt Parks in San Franzisko? Lebhafte, buntschillernde Kinder, die in den Parks herumtollten und deren Eltern nur darauf warteten, die Lichtbilder ihrer Lieblinge vorgelegt zu bekommen?

"Es ist eine andere Kultur," sagte sein Freund, "ganz anders. Weniger Lebensfreude und mehr Geschäft."

Und was sollte geschehen, wenn man seinen illegalen Aufenthalt entdeckte? Wäre er dann nicht wieder ein Entwurzelter, ohne Bleibe in Mexiko, das er verlassen hatte und auch in den USA, die ihn nicht wollten? Wäre dann nicht alles verloren?

Solche Fragen quälten sich in endloser Folge durch Maximilians Kopf. Des nachts wälzte er sich in seinem Bett und zermarterte sein Gehirn bis aufs Mark. Wie sollte er sich entscheiden? Was war richtig? Wie konnte er nur herausfinden, was richtig war? So sehr er sich auch mühte, er fand keine Lösung.

Da kündigte das Schicksal eine entscheidende Wende an. Wie fast alle Mexikaner spielte Maximilian in der Staatslotterie. Seit seinen Tagen in Mexiko-Stadt pflegte er Woche für Woche ein Viertellos bei einem der allgegenwärtigen blinden Losverkäufer zu erwerben und jedes Mal mit einer Mischung aus Erwartung und Gleichmut der Bekanntgabe der Gewinnzahlen entgegenzusehen. Als er an einem Frühjahrstag des Jahres 1951 die angeschlagenen Gewinnzahlen mit seiner Losnummer verglich, stutzte er. Seine Zahl war obenauf. Er starrte auf das Stück Papier in seiner Hand und wieder auf den Anschlag – kein Zweifel, seine Zahl war obenauf. Er machte einen Satz und schüttelte den Verkäufer, dass dem sein Marktschrei "Gran sorteo! Cinco millones de pesos" in der Kehle entzweibrach. Er fuchtelte mit dem Los vor dessen stumpfen Augen herum und brühte: "Hombre? Me ha tocado la gorda. Me ha tocado la gorda, no lo crees," und sein Blick taumelte ungläubig zwischen Los und Anschlag hin und her. Passanten blieben stehen und umringten ihn.

„De veras?“, stieß der Losverkäufer hervor, "pues váyase que no se lo roben," und er lachte rau. Maximilian jagte schon zur Lotteriezentrale, während das Glückslos hochgestreckt in seiner Hand über die Menge dahinschwebte.

Die folgenden Ereignisse fielen Schlag auf Schlag. Mit der Zwanghaftigkeit eines Besessenen stürzte Maximilian über die Bahn, die zu seiner Vernichtung führte. Er deutete den Glückstreffer als einen Wink der Götter, dass es auch für ihn, den ewig Durstenden, eine Befriedigung seiner Sehnsüchte gab. Mit dem Geld in seinen Händen fühlte er sich emporgehoben in das Reich derer, die im Licht stehen. Endlich war er von den jahrelangen, quälenden Zweifeln befreit. Seine kalifornischen Träume schienen einer vergangenen Zeit anzugehören. Jetzt konnte er so handeln, wie er es sich im tiefsten Herzen eigentlich immer gewünscht hatte, endlich einen Platz in der Sonne erlangen. Und er handelte blitzartig.

In der Avenida Vallarta, ganz in der Nähe der heutigen Zona Rosa, bewohnte einer seiner Kunden eine vortreffliche Villa, zu der schon lange Maximilians heimliches Sehnen ging. "Ein glückliches Zuhause," dachte er manchmal, wenn er dort mit seinen Bildern erschien und sich mit dem Gastgeber zum Tequila niederließ. Sein Blick pflegte in scheuer Bewunderung die schöne, charmante Dame des Hauses zu streifen, die ihnen die Gläser reichte. Oft hörte er vom Garten her das Lachen der Kinder beim Ballspiel. Das Anwesen hatte ein herrschaftliches Säulenportal und helle luftige Zimmer. In dem weiträumigen, mit Azulejas ausgelegten Innenhof wuchsen Geranien und Oleander und im parkähnlichen Garten blühte der Jasmin. Als Maximilian dem Eigentümer ein großzügiges Kaufangebot machte, wehrte der entschieden ab. "No es posible," sagte er.

Da erhöhte Maximilian das Kaufangebot um die Hälfte. Der Hausherr zögerte. "Mi familia, mis chicos", jammerte er.

Am nächsten Morgen wurde der Kauf getätigt.

Sogleich entwickelte Maximilian Pläne für die Einrichtung seines Hauses. Er würde die Räume in allen Farben des Regenbogens bemalen und die Wände mit den Werken der impressionistischen Meister behängen. Er wollte die bekanntesten Innenarchitekten zusammenrufen und um ihren Rat bei der stilgerechten Ausstattung bitten. Er sah sich schon Schränke und Truhen, Betten und Sessel, Teppiche und Gardinen aussuchen und mit den Verkäufern der besten Einrichtungshäuser feilschen. Dann sollte ein glänzendes Fest gegeben werden, um die ganze vornehme Gesellschaft der Stadt an seinem neugewonnenen Glück teilhaben zu lassen. Ein noch nie erlebter Stolz erfüllte ihn.

Aber als er das erste Mal allein auf die Dachterrasse stieg und sein Blick über das weiße Häusermeer der Stadt und in die Ferne schweifte, überfiel ihn ein würgendes Unbehagen. Hatte er etwas außer Acht gelassen? War etwas vergessen worden? Verwirrt wich Maximilian ins Innere zurück.

Zwei Wochen später geschah an der Kreuzung der Calle Manuel Acuna und der Calle Puebla ein grässlicher Unfall. Der Omnibus der Linie Zapopán – San Juan de Dios kam klappernd und quietschend um die Ecke gejagt, ergriff einen Mann beim Bordstein und schleuderte ihn gegen eine Hauswand. Passagiere, die auf- und abgesprungen waren und das Unglück kommen sahen, hatten noch versucht, den Mann durch Zurufe zu warnen. Aber der war, nach mehreren Zeugenaussagen, vollkommen gedankenverloren aufs Straßenpflaster getreten und war durch kein Geschrei aus seinem Traum zu reißen. Er verblutete auf dem Weg zum Krankenhaus. Es handelte sich um einen hochgewachsenen Europäer mit dem Namen Maximilian Bender.

Die kleine deutsche Gemeinde in Guadalajara kümmerte sich um seine Bestattung. Er wurde auf einem privaten Friedhof für Nichtkatholiken weit vor der Stadt an der Ausfallstraße nach Tepic begraben. Der Steinmetz meißelte, den Neigungen der spanischen Sprache folgend, Maximilian Robert Arnold Bender auf den Grabstein ein. Niemand bemerkte den orthografischen Fehler. Die Kinder sprangen an diesem sonnigen Maitag mit besonderer Lust und Wonne im Parque Agua Azul umher.

Zehn Jahre später. John F. Kennedy ist 35. Präsident der USA. Während die ersten Güterzüge der "Alianza para el Progreso" in den Süden rollen, kommt ein junger Mann aus Deutschland in Los Angeles an. Er greift sich den ersten Job als Chauffeur einer Stretchlimousine, holt eine reiche mexikanische Industriellenfamilie am amerikanischen Grenzort ab und fährt sie nach San Franzisko. Zur Verwunderung der Gesellschaft spricht er fließend Spanisch.

"Wo haben Sie Spanisch gelernt?" fragt die Dame.

"Ich hatte einen Onkel in Mexiko," erwidert er gedankenvoll, "den ich sehr mochte, obwohl ich ihn nie kennenlernte. Meine Eltern und Verwandten erzählten mir viel von ihm. Sie sagten, er war ein Ausreißer. Sie bestanden darauf, dass ich ihm zum Verwechseln ähnlich sähe. Er war wie mein Vater Briefmarkensammler und jedes Mal wenn ein dicker Brief mit exotischen Marken aus Mexiko ankam, liefen mir die Augen über. Als Kind träumte ich immer davon, ihn eines Tages in Mexiko zu besuchen. Später nahm ich Spanischunterricht. Aber er starb, bevor ich alt genug war, mich auf die Reise zu machen."

"Wo lebte er?" erkundigt sich die Dame und beugt sich vor.

"In Guadalajara."

"Wir kommen aus Guadalajara."

"Oh," sagt der junge Mann, "dann kannten sie ihn vielleicht. Er war Künstler, Fotograf, und hieß Maximilian Bender."

"El Señor Bender," ruft die Dame aus, jedes Wort in die Länge ziehend, und die ganze Familie biegt sich überrascht gegeneinander. "Claro que sí. Natürlich kannten wir ihn. Er hat alle unsere Kinder aufgenommen. Un señor muy muy muy bueno. Er verunglückte bei einem schlimmen Unfall, el pobre."

"Ja," sagt der junge Mann wehmütig, "er starb, bevor wir uns begegnen konnten." Und er drückt das Gaspedal durch, dass die Limousine auf dem Golden State Freeway schier dahinschwebt. Vier Stunden später rauscht er über die San Franzisko-Oakland Bay Bridge gegen die Stadt. Aus dem Radio strömten mexikanische Mariachis, La Bamba, El Negro, Guadalajara, Volver, Volver. „Ach Maximilian, deine Lieblingsweisen haben die fernen Radiostationen deines Sehnsuchtsziels erreicht, aber du bist niemals angekommen“, geht es dem jungen Mann durch Kopf und Körper. In einer Mischung aus Wehmut und Lebenslust schnalzt er mit der Zunge und wiegt sich im Rhythmus der Canciones. Die Familie, die Limousine, die Brücke und die ganze Stadt schwingen mit ihm. Gleißendes Sonnenlicht übergießt die San Franzisko Bay. Das Ferry Building und der Coit Tower heben sich gegen die Skyline ab, und im Dunst der Ferne taucht der schlanke Körper der Golden Gate Bridge auf.