Überlebensszenarien

Minus mal Minus

Short Story Minus times Minus By Maniwolf

Letzten Samstag traf ich meinen Vetter Rolf im Einkaufszentrum. Er sah gut aus, er war ja schon immer ein quicklebendiger Bursche gewesen, flachsblond und leicht angefettet, aber jetzt schaute er richtig gemästet drein. Im Arm hielt er eine exotische Schönheit; er stellte sie mir auch gleich vor, „das ist meine Novia Blanquita aus Venezuela“, sagte er mit der Miene eines Eroberers, und die schöne Blanquita lächelte mir artig zu. Mit seinen glatten Gesichtszügen, über denen ein leichter, glänzender Schimmer lag, seinen rosigen Backen und seiner quietschfidelen Art kam er daher wie ein wohlgenährtes Schweinchen. “Rolf“, rief ich, „hey, ich dachte du bist im Gefängnis.“

Rolf hatte nämlich ein paar schlimme Geschichten am Hals gehabt. Wir als Verwandte waren natürlich auf seiner Seite und wollten daher von den Einzelheiten nichts weiter wissen. Er war ein gerissener Finanzjongleur, und niemand in unsere Familie verstand seine undurchsichtigen Geschäfte, ja wir wussten gar nicht was er eigentlich machte, aber wir sahen ihn immer frohgemut in Saus und Braus dahinleben, mit schönen Frauen, teuren Autos, in ständiger Partylaune. Mir war nur bekannt, dass seine zwielichtigen Finanzgeschäfte in letzter Zeit für Ärger gesorgt hatten. Er musste es wohl zu weit getrieben haben. Eine Reihe von Firmen war pleite gegangen, und alle Finger deuteten auf ihn. Die Journalisten waren ihm auf den Fersen, und einige Zeitungen hatten böse Geschichten über ihn verbreitet, sogar auf Seite eins. Nach einem kurzfristig anberaumten, teilweise geheimen Verfahren mit verkürzten Zeugenaussagen war er überraschend schnell zu einem Bruchteil der Gefängnisstrafe verurteilt worden, die der Staatsanwalt beantragt hatte. „I wo“, sagte er, „nicht auf meinen Ausgängen, für die ich eine Blankogenehmigung von ganz oben habe. Auf diesen Ausgängen kann ich praktisch machen was ich will, solange ich die elektronische Leine nicht abreiße.“ Er nahm mich zur Seite und raunte mir ins Ohr: „Das Gefängnis gehört der GuteLeuteBank. Mit dem Generaldirektor bin ich auf du und du. Er versteht recht gut, dass ich heute drin bin und er draußen und morgen kann’s genauso gut umgekehrt sein. Und weißt du was? Es ist eine der Banken, denen ich ein Unmenge Geld schulde. Die müssen mich behandeln wie eine Made im Speck, sonst kriegen sie gar nichts, verstehst du?“ „Donnerwetter“, sagte ich, „du scheinst ja mal wieder Schwein gehabt zu haben.“ „Kein Schwein“, sagte er, „du musst nur die richtigen Tussies kennen und möglichst vielen Leuten Geld schulden, dann kümmert sich die ganze Welt um dich“. Und wie meistens wenn er redete, tanzten sein Äuglein hinter den Fettwulsten, und sein Grinsen durchzog die ganze Bandbreite menschlichen Wohlbefindens von gutmütigem Gluckern bis zum höhnischen Gelächter. „Also kein Abu Ghraib“ sagte ich. „Nein“, sagte er, „es gibt zwar auch dunkle Gänge und Zellen, wo die Wärter auch mal zur Keule greifen, aber dort schmachten nur die Armen, die Dummköpfe, die keine Ahnung haben vom Leben und seiner wahren Schönheit. Mit denen habe ich natürlich nichts zu tun, in meiner Abteilung sind wir unter uns, in der Prominentenburg, das war mal ein Adelsdomizil, pickfein, sage ich dir. Ein wahres Luxushotel, verstehst du, es ist wirklich fantastisch, ein ordentlicher Tagesablauf wie in einem Kurort, die reinste Erholung, das ist gut für die Gesundheit und gut für die Geschäfte. Keine Vorhaltungen von der Frau, keine stressigen Probleme mit den Kindern, keinen Streit mit der Freundin, keine nervigen Telefonanrufe, keine Zeitungsschreiberlinge mit dummen Fragen, keine Saufereien mit den Geschäftskumpanen, kein Gericht, Staatsanwälte, Gläubiger oder Gerichtsvollzieher, die mir im Nacken sitzen. Ach, alles ist schön geregelt“, rief er tänzelnd, während die liebliche Blanquita sich in seinen Armen wog, „und meine Rechtsanwälte wachen über mein Wohlergehen, dieweil ich mit meinen Geschäftsfreunden drinnen und draußen das Geschehen vorantreibe. Während der Woche werde ich sozusagen ordentlich betreut und am Wochenende schieße ich los, voller Energie. Es ist praktisch das gleiche wie draußen, nur mit umgekehrten Vorzeichen, aber du weißt schon, minus mal minus gibt plus und von der Differenz lebe ich, und darüber hinaus ist es viel ruhiger, ach ja, im Grund ein Paradies“. „Wir werden einen Wolkenkratzer in Taiwan bauen“, sagte er, „direkt in der Downtown von Taipeh, trapezförmig, mit rotierenden interaktiven Plattformen, ein virtuelles Multimedia Cyber-Erlebnis, alles schon finanziert. Ich habe ein ganzes Konsortium hinter mir, denen sitzt allen die Angst im Nacken, dass ich Konkurs anmelde, also füttern sie mich mit Hingabe. Das ist Liebe in der heutigen Zeit!“ Er begann mir sein Projekt auseinanderzusetzen, ergoss einen Wortschwall über mich, ruderte mit den Armen, sprang von einem Fuß auf den andern, streute seine Lieblingsfloskeln ein, „sage ich dir“ und „verstehst du“ und „so macht man das“ und „kannst du dir das vorstellen?“, und „die Welt wird staunen“, und „so was war noch nie da“, und ich schaute mich um, suchte nach einem Abgang, winkte ein Taxi heran, „ich muss weiter lieber Rolf, die Kinder warten auf mich.“ „Rolf“ sagte ich beim Weggehen, „mit dir wird’s noch mal ein schlimmes Ende nehmen.“ Er lachte, „macht nichts“, rief er mir nach, „wenn du genau hinschaust, nimmt es nicht mit allen von uns ein schlimmes Ende?“ Ich sprang ins Taxi und seine Worte klangen mir nach, verfolgten mich den ganzen Tag. Hier rackert man sich ab und versucht ein rechtschaffener Mensch zu sein, und was kriegt man dafür? Nimmt es nicht mit uns allen ein schlimmes Ende? Rolf hatte mir meinen Tag verpatzt, und ich wollte ich hätte ihn nicht getroffen. © Maniwolf – Deutsches Original

San Francisco

 

San Franciso. Krumme, bucklige Strassen, Häuser mit Gesichtern. Häuser, die Grimassen schneiden, wenn du bei ihnen vorbeischaust, vor allem die an den Ecken, den verbogenen und verwinkelten und verzwickten Ecken. Verwunschene Gassen mit Bauten, die herumstehen wie Zuschauer bei einem missglückten Faschingsumzug, Zerrbilder aus einer wunderlichen Welt. Darüber der Himmel, langgestreckte, düstere Regenwolken, die als Speere aus dem Bereich jenseits des Postkartenrandes eindringen, unaufhörlich, unaufhaltsam.

Die Wolken werden dicker und dunkler; sie rollen sich zu einem Unwetter zusammen. Bald platzt der Himmel, Blitz, Donner und Regen fegen durch die Straßenklüfte und Häuserritzen. „Das macht mein heutiges Unterfangen noch vertrackter“, denke ich. Ich bin gerufen worden um diesen Lastzug in Gang zu bringen, der in eine der steilen Gassen geraten ist und an einer verschachtelten Ecke bergaufwärts eingeklemmt hockt, fettglänzend und aufgebläht in einer Geisterwelt, mit einer überdimensionalen Schnauze, die laut und frech gegen den Himmel ragt.

„Are you ready to mount the rig“? frägt der Fahrer, ein junger Bursche mit einem hübschen, weichen Bubengesicht, ja, den Lastzug besteigen, und ihn aus dieser Hexengruft herausmanövrieren. „Wenn ich ihn nur wie einen Berg besteigen könnte“, denke ich mir, „dann wollte ich mit Lust und Liebe ans Werk gehen, aber wir haben es hier mit der vertrackten Technik zu tun, mit den wunderbaren technischen Errungenschaften unserer Zeit“. Laut sage ich jedoch: „Ich bin Spezialist für solche Sachen“, und ich lache rau, während ich mich bereits ins Führerhaus schwinge, „das liegt in der Familie, das haben schon unsere Vorväter gemacht, aber mit Panzern damals im Osten, und rückwärts den Berg hinauf durchs Gestrüpp, während es links und rechts Bomben hagelte. Wenn du das einmal gemeistert hast, den Kampf um dein Leben im Rückwärtsgang, während du den Kopf fast aus der Luke herauswindest und nach hinten verdrehst und versuchst den niederprasselnden Bomben auszuweichen, na ja, dann kann dich nichts mehr umwerfen. Alles hängt ja vom feingliedrigen Zusammenspiel von Kupplung und Gas ab, und von der gleichzeitigen Steuerung natürlich, sowie von deiner Gelenkigkeit zusammen mit der Fähigkeit nicht auszurasten. Deine Füße und Hände müssen praktisch ein Eigenleben führen, in eine hochempfindsame, wildkünstlerische Jongleurtrance von Feinfühligkeit und Einstimmigkeit abgleiten, während dein Herz gegen den Himmel blutet in einer Welt, die um dich herum in Flammen aufgeht, indessen dein Gehirn erfriert“.

„Also“, sage ich, „wie kommst du überhaupt hierher, das sind doch keine Straßen für einen achtzehnrädrigen Lastzug, noch dazu mit voller Ladung, das ist ja von der Polizei verboten“. „Ich wollte eine Abkürzung einschlagen“, sagt der Bursche kleinlaut, „auf der Karte sah alles so einfach aus, und dann geriet ich in den Wirrwarr von Bergen und Baustellen und Bauhügeln und Absperrungen und aufgestauten Autos und Einbahnstrassen und Sackgassen und Katzen im Sack und Straßenkötern und Kanalkröten und Maulwürfen und Menschenknäuel bis es nicht mehr weiterging“. „Ja auf der Karte“, sage ich. „Und was ist denn mit der Handbremse los?“ „Die Handbremse schlug Funken und ist ausgebrannt“, sagt der Bursche, „ich habe die Räder des Lastzugs gegen den Rinnstein gedreht und der erste Gang ist auch verkorkst“. „Ach so“, sage ich, während ich auf Bremse und Kupplung trete, die Gänge anpeile, den Motor aufheulen lasse und sozusagen als Startzeichen noch mal die schlabbrige Handbremse löse. „Den Berg hinauf ist das Leben am schwersten“, denke ich, während ich das riesige Steuerrad umarme, „vor allem in den Kurven, den Haarnadelkurven, wo du in der Kurve stecken bleibst mit dem Abgrund vor dir und einer grölenden Menschenmenge hinter dir, und am schlimmsten ist natürlich das Anfahren am Berg, wenn sich der Verkehr um dich herum aufstaut und dir keiner hilft und die ganze Ladung glitschig und nass nach unten zieht wie jetzt“.

Während meine Füße die Pedale balancieren und mein Kopf zum Fenster heraushängt, um die Lage abzuklären, schaffe ich es, ein Dutzendmal vor und zurück zu manövrieren, während ich Zentimeter um Zentimeter an Raum gewinne, bis ich die verkrusteten Ecken und Bögen aufbrechen und vom Bordstein abheben kann. Langsam kommen wir in Fahrt, tuckern an quergestellten Bauten vorbei und eingequetschten Personenwagen und ferngesteuerten Menschen, geschlachteten Haustieren und verschüttetem Müll bis wir jenseits der Kuppe zu schweben anfangen, ins Tal, zum Meer hin, zum Meer.

Später parken wir an der Strandpromenade und schauen auf den Ozean hinaus, wo der Sturm rast und die Wellen vor sich hertreibt bis sie nahe am Ufer einstürzen.

„Also das ist schon unglaublich wie du das geschafft hast“, sagt mein Begleiter bewundernd, „ohne Handbremse gegen den Berg und im strömenden Regen mit der ganzen Ladung, die dich nach unten zieht“. „Erzähl mir lieber etwas über San Francisco“, sage ich, „ich höre alle sind gay“. „Ja“, sagt er, „die meisten sind gay, wir sind eine große Familie. Aber du musst das g weicher aussprechen“. „G a y“, sage ich. „Nein“, sagt er und lacht, „viel, viel weicher“, während er mir mit der Hand sanft über die Haare streicht und mich mit liebevollen braunen Augen anschaut. „Glaube mir, wirklich, allein hätte ich das nie geschafft“. „Ja“, sage ich, „meine Aussprache ist etwas holprig aber dafür kann ich Lastzüge und ähnliches Getier aus dem Schlamassel manövrieren“. „Oder Panzer, sogar rückwärts den Berg hinauf“, sagt er.

„Lass uns zum Meer runtergehen“, schlage ich vor, und während wir hinunterschlendern, ergreift er meine Hand und drückt sich an mich wie ein Mädchen. Ich reiße mich los und rufe „Oder gegen den Sturm anschwimmen und durch die Wellen tauchen“, streife die Kleider ab, laufe auf das Wasser zu und werfe mich ins tobende Meer.

© Maniwolf – Deutsches Original