Erotische Verstrickungen

Warnhinweis: Diese Geschichten können für manche Leute verstörend oder anstößig sein. Lies sie nach eigenem Ermessen!

Selten so gelacht

 

Nach dem Kino gingen wir zu ihr nach Hause und liebten uns und dann war es aus.


Das war mit Adelheid damals, „komm“, sagte sie, „es läuft ein wahnsinnig witziger Film, den musst du unbedingt sehen“, und sie zog mich ins Nuart, einen der heruntergekommenen Revival-Schuppen in West Los Angeles, wo man mit nur einer Eintrittskarte eine ganze Nacht lang herumlungern konnte.

 

Ich kann mich nicht mehr an einzelne Szenen erinnern, aber ich weiß, dass scheckige Clowns grotesk umher hopsten, hysterische Weiber schrille Schreie ausstießen und bunte Fabelwesen in bizarren Verrenkungen über die Leinwand geisterten. Wir bogen uns vor Lachen bis es schon richtig weh tat und uns Tränen über die Wangen liefen. Ich versuchte noch, mich abzulenken und an kalte Leichen und eklige Würmer zu denken, aber es half nichts, jedes Mal wenn wir uns anschauten, überkam uns eine neue Lachwelle, bis wir in einen glückseligen und zugleich schmerzhaften Lachanfall verfielen, der sich zu einem hemmungslosen Lachrausch steigerte, ganz ohne Drogen. Als die Vorstellung sich dem Ende näherte, konnten wir uns schon nicht mehr in den Rängen halten, kollerten in den Gang und wälzten uns auf dem Boden, ja wir kugelten übereinander vor Lachen, während die ordentlichen, erwachsenen Leute angeheitert um uns herumliefen und schmunzelnd aus dem Kino stolperten.


Natürlich war es nicht wirklich der Film, der diese Ekstase auslöste, es war Adelheid, ihre aufreizende Art, ihre beglückende Gegenwart. Ihr Lachen war einfach unwiderstehlich und ansteckend, so wie alles an ihr unwiderstehlich und ansteckend war. Und es war der verzerrte Widerhall unserer verrückten Leidenschaft, es war unser Glücksgefühl, wieder aneinandergeraten zu sein, und es war die Angst, ob und wie es weitergehen würde mit uns. Es war all das und noch viel mehr, die ganze Spannung, die sich aufgestaut hatte und die jetzt herausplatzen musste nach all den Monaten der Trennung.


Ja, also ich war hoffnungslos verknallt in sie und wollte sie unbedingt haben. Sie war ja auch ein einmaliges Exemplar: Jung und rank, frisch aus der deutschen Provinz in Hollywood gelandet und scheinbar die Unschuld vom Lande, aber dann wieder so einmalig witzig und frech, dass sie auch aus der Kneipenszene Berlins hätte stammen können. Ich mochte eigentlich alles an ihr, ihre kindlich-milchige Haut auf der ein paar Sommersprossen herumhüpften, ihre leicht schnippische und anzügliche Art, wenn man ihr zu nahe kam, ihre misstrauischen Augen, mit denen sie mich spöttisch musterte, wenn ich mich vor ihr aufbaute, ihre Stupsnase, die sie gegen den Himmel streckte, aber nicht aus Hochmut, mehr so als wollte sie sagen, „nu streng dich mal ein bisschen an, ich will dich ja, aber du musst mir schon zeigen, dass du ein besonderer Mann bist, also leg mal los“.

 

Sie war die hübscheste von der ganzen Clique, die sich in den Cafés auf Melrose Avenue herumtrieb. Mit blauen Augen und blondem, lockigem Haar war sie eigentlich nicht so mein Typ, ich mochte mehr exotische Frauen, aber ihr kesses Wesen war einfach umwerfend.


Für die Nordamerikaner war sie natürlich mit den hellen Haaren, der kremigen Haut und ihrer unbekümmerten Art die Begehrenswerteste weit und breit, und die Männer waren hinter ihr her, na ja, wie hinter einer räudigen Hündin. Nur war sie nicht räudig und das war das Problem. Nicht ganz unerfahren, stellte sie sich doch immer so an, als wüsste sie nicht recht, was die Männer eigentlich von ihr wollten. Mit unschuldiger Miene blickte sie dann in die Runde, als sei ihr der ganze erotische Imponiertanz vollkommen unverständlich. Genau das trieb ihre Verehrer zur Verzweiflung, diese naive Kleinmädchenpose, auch mich.


Es ergab sich aber so, dass wir uns immer öfter aus der Clique lösten und uns allein miteinander fanden, über den Santa Monica Boulevard schlenderten und tagsüber in den Straßencafes herumtrieben. Nachts belagerten wir die rauen Rockbands in Doug Weston’s Troubadour in West-Hollywood, und es machte uns einen Heidenspaß zu den Songs in allen Tonarten zu grölen, schrille Schreie auszustoßen, und berauscht herumzuhopsen, all das aus schierer Lebenslust, ohne einen Tropfen Alkohol. Die Drinks langweilten uns und wir hatten ohnehin kein Geld.


Sie begann auch Bemerkungen zu machen, aus denen ich Bewunderung heraushörte. Ich war ein bisschen großspurig damals, und das schien ihr zu gefallen. Mal sagte sie mir, dass ich einen ausladenden, männlichen Gang hätte, oder sie applaudierte, wenn ich auf den Parties nach Seemannsart die Korken aus den Weinflaschen herausschlug. Sie gestand mir auch, dass sie sich meistens gar nicht weiblich fühlte, kratzbürstig eben und ohne jede Lust, feminin zu sein, und ich tröstete sie dann und sagte ihr, dass ich gerne, so im Spaß halt, mit ihr raufen würde, und versprach ihr, immer noch halb scherzhaft aber schon mit ernsthaftem Unterton, sie dabei zur Frau zu machen, wenn sie nur wollte.

 

Sie hörte sich das auch wohlwollend an, und lachte zwischendurch unbekümmert dazu, aber lange Zeit geschah nicht viel außer den Umarmungen, wenn wir uns begrüßten, und ein paar verunglückten Küsschen auf die Wange. So wurden wir gute Freunde, bevor wir uns liebten.


Meistens war sie einfach richtig nett und kameradschaftlich, aber wenn ich dann ernster ranging, wich sie jedes Mal zurück. Ich spürte, dass bei ihr oft Zweifel mitschwangen, ob sie diesem Kerl überhaupt trauen konnte. Ich erinnere mich, dass wir ganze Stunden in einem Café an der Ecke von Doheny und Santa Monica Boulevard miteinander verbrachten und uns in die Augen schauten, total offen und  freimütig, zwei Entwurzelte auf der Asphaltplatte von Los Angeles, zwei verlassene Seelen auf der Suche nach ihrem verlorenen Glück.

Das waren Zwiegespräche mit unseren Augen und wenigen oder gar keinen Worten, bei denen ihre Stimmung laufend wechselte, lieb und zutraulich, fragend und misstrauisch, verwirrt und ratlos, kokett und spielerisch und manchmal, wenn meine Augen tief in die ihren tauchten und ich ein verwundetes Tier aus längst vergangenen Zeiten jenseits der Oberfläche erkannte, wurde sie todernst. Das war das Schlimmste. Dann erschrak sie, und das war immer der Augenblick, wenn sie sich löste aus der intimen Verschmelzung unserer Blicke, und sie so tat als sei nichts geschehen und anfing Konversation zu machen, während ich geschafft mit meinen Gefühlen kämpfte.


Aber eines Tages, als ich nach einem Unfall im Bett lag, kam sie hereingeschneit in mein Zimmer in meiner Wohngemeinschaft auf der Keith Avenue. Das war ja eine liebe Geste, wirklich. Da saß sie nun auf einem Stuhl in gehörigem Abstand mitten im Zimmer und schien nicht zu wissen wie sie da überhaupt hingekommen war und was mit sich anfangen. Wir tauschten erst ein paar Artigkeiten aus, aber durch ihre Verlegenheit hindurch merkte ich schon, was sie zu mir getrieben hatte. Mit der ausgeruhten Miene eines Genesenden und der überbordenden Selbstsicherheit eines begehrten Mannes sagte ich, „komm doch mal her“ und streckte meine Hand aus, aber sie sagte „Nö, lieber nicht“. Ich ließ mich aber nicht beirren, wusste schon, dass sie im Grunde gern kuscheln wollte, nur ein bisschen spröde war sie eben, mehr ein ungelenkes Kind, eine ungezähmte Mieze. Ein Wildfang, der lieber spielt und an die komischen erotischen Sachen nicht so richtig ran will. „Jetzt komm doch schon, lass dich doch mal streicheln“ sagte ich, „ich beiß dich schon nicht“. Wir lachten beide und ich schaute in ihre Augen und ihre Kessheit begann zu schmelzen, und was zum Vorschein kam, war das weiche Gesicht eines verwundbaren Kindes, und dann kam sie näher, versuchsweise, mit gemischten Gefühlen, wie eine liebessehnsüchtige, misstrauische Katze. Ich strich ihr übers Haar und sagte ihr was für ein nettes Mädchen sie sei, und da wurde sie zutraulich.


Ich zog sie aufs Bett und wir rangen spielerisch miteinander. Ach, ich wusste ganz genau, dass sie nur auf diese ausgelassene Art zu erreichen war. Aus den Neckereien wurden sanfte, neugierige Berührungen, bis wir uns eng aneinander schmiegten. Ich küsste sie auf ihren Nacken und ihren Mund, und sie ließ es zu, dass ich sie überall anfasste. Nach einer Weile streckte ich meine Hand unter ihr Höschen und war überrascht, wie schnell sie zu stöhnen begann, leise zuerst, dann tiefer von ihrem Innersten. Ich konnte schon spüren, wie sie ganz nass und weich wurde und in meinen Armen dahinschmolz. Da wusste ich, dass sie sich danach sehnte, geliebt zu werden. Als ich in sie eindrang, umschlang sie mich mit unerwarteter Leidenschaft, und klammerte sich fast verzweifelt an mich.


Später lagen wir dann liebevoll umschlungen im Bett und als ich ihr gestand, wie sehr ich sie mochte, begann sie zu weinen. Sie sprach von ihrem Vater, einem Metzgermeister mit wurstigen Fingern, der immer so eklig roch und kein gutes Haar an ihr ließ, und manchmal ausrastete und zuschlug. Und sie sprach von all den Geistern der Vergangenheit, die sie verfolgten, sodass ihr alle Männer Angst machten.


Ihr Weinen störte mich nicht, aber ich schob es weg. Und ihre Klagen waren mehr einschläfernd als lästig, so wie das ferne Rauschen des Meeres, nicht weiter bedeutend. Was für mich zählte war, dass sie auf den Geschmack gekommen war, und ich sagte ihr, sie sei jetzt meine Freundin.


In den ersten Frühlingstagen gingen wir zusammen wandern und zelten in der Wildnis des Angeles Forest und ich lichtete sie ab, nackt, in allen Posen, sie ließ sich das auch gerne gefallen. Aber sie sagte, ihre Brüste seien zu klein, kleiner als die von der Beate aus der Clique, und warum ich nicht mit der zusammen sei, und ich sagte „ja, aber die ist nicht so frech wie du“ und ich zog sie an mich und wir lachten. Als es dämmerte und kühl wurde schleppte ich ganze Baumstämme heran und wir machten ein Lagerfeuer zwischen den Felsen und dann liebten wir uns und schliefen und es war paradiesisch wie im Mutterleib.


Eine Woche später machte ich mich aber auf den Weg zu meinen mexikanischen Verwandten in Guadalajara, das war schon seit Monaten geplant, und ich konnte ja nicht die Reise absagen, weil sie in meinen Armen gelegen hatte und so ein nettes Mädchen war und überhaupt. Mitnehmen konnte ich sie auch nicht, weil meine Freundin Loli aus Andalusien mit einer Anzahl von Amigas angereist kam. Ich dachte mir eben, wenn ich zurückkomme, ist sie ja immer noch ein nettes Mädchen.


Die Reise streckte sich dann dahin, wir vagabundierten mit der ganzen Gruppe bis in die Regenwälder von Chiapas und die von Guerilleros durchdrungenen Dschungel von Guatemala und ich kam erst nach drei Monaten zurück. Adelheid war noch da, aber sie hatte einen neuen Freund, einen schlaksigen Kerl, dessen Hosenbeine immer zu kurz waren und der in Real Estate machte. Also, er passte gar nicht zu ihr, und ich merkte auch gleich, dass es mit den beiden nicht klappte. Ich sagte mir, dass sie mich bräuchte.


Das war der Tag, an dem sie mich fast wortlos ins Kino zog, als hätten wir uns gar nichts zu erzählen, aber dann lachten wir uns zu Tod. An diesem ersten Abend nach meiner Rückkehr lagen wir dann im Bett in ihrem Apartment und sie weinte wieder und sagte, dass sie sich verraten fühlte, wegen meiner mexikanischen Reise, und dass ich weggelaufen sei, um dort mit einer anderen Frau zu schlafen. Ich konnte damit nichts anfangen, sagte „jetzt bin ich doch da, ist das nicht was zählt?“, und „wo liegt das Problem?“, und wischte alles weg. Erst Jahre später verstand ich, wovon sie gesprochen hatte.


Wir waren versuchsweise im Bett gelandet, um herauszufinden, ob wir uns noch kannten und mochten, so wie eigentlich alles zwischen uns versuchsweise lief. Es war auch sehr schön, sie war richtig zärtlich und bedeckte meinen Körper mit kleinen Küssen, ja, zärtlicher als je zuvor, eine unerklärliche Zärtlichkeit, wie von einer reifen Frau. Aber ich wollte sie rau nehmen, sie zurückholen aus den Armen eines fremden Mannes und es ihr so geben, dass sie mich nie mehr verlassen könnte. Ach, ich merkte gar nicht, dass ich es ja gewesen war, der sie verlassen hatte und dass es gar nichts zurückzuholen galt.

 

Als wir uns dann liebten, lief etwas schief. Sie machte nicht richtig mit, hielt sich zurück. Ich war so erregt und ihr Widerstand störte mich und mit der rauen Stimme eines drängenden Mannes befahl ich ihr, sich ganz aufzumachen. Da machte sie sich vollkommen zu, wurde kalt wie ein Stein, und ich zog meinen Schwanz raus und sie rollte zur Seite und es war aus.


Ich sah sie dann noch oft in der Runde meiner Clique, und wir redeten auch manchmal, oberflächliches Gerede jedoch, „Wie geht es dir?“ „Ach ja, recht gut“, sie achtete jetzt darauf, immer Abstand zu halten. Zu der Zeit war ich es dann, der weinte, heimlich abends im Bett, jedes Mal eigentlich, wenn ich sie gesehen hatte und an sie denken musste. Manchmal fuhr ich mehr zufällig an ihrem Apartment vorbei in der Sycamore Ave. Und wenn das Licht oben brannte, dachte ich daran zu klingeln. Aber dann stellte ich mir vor, dass sie mit einem anderen Liebhaber zusammen sei und durch die gleichen Qualen ginge wie mit mir, und selbst wenn wir wieder zusammenkämen, würden sich nur die Qualen wiederholen, immer die gleichen Qualen, ihre Qualen, meine Qualen.

 

© Maniwolf – Deutsches Original

Santa Barbara 16.2.2005, Pacific Palisades 10.07.08, Santa Monica 25.12.10, 27.12.10, 05.05.12

G / 2138

 

Ein Freund und Linguist sagt, diese Geschichte sei juvenil. Ich stimme zu!

 

Damals in New York, im Taxi

 

Niemand erwartete mich als ich in der Werkstatt ankam. „Ich soll das Auto hier abholen, das nach Texas geht“, sagte ich zu dem Mann, der am Eingang herumlungerte, einem Verlierer wie er im Buch steht, mit schmierigem Haar, verschlagenem Blick und giftig glitzernden grünen Augen. Ich zeigte ihm meinen Papierkram. Der Kerl hasste mich, das merkte ich gleich. „Wie alt bist du denn überhaupt“, fragte er mit offen zur Schau gestellter Feindseligkeit. „Achtzehn“, stieß ich kurz und trotzig hervor und schaute ihm herausfordernd geradezu in die Augen, nur das: Achtzehn. Ich hatte die Nase voll von dieser dummen Fragerei überall, im Kino, im Schnapsladen, in den Klubs. Am liebsten hätte ich mir die Achtzehn auf die Brust tätowiert, in die Stirn eingeritzt, auf den Hosenladen gemalt, nur um dieser ewigen Fragerei ein Ende zu bereiten. Wenn ich in den Spiegel schaute, musste ich natürlich zugeben, dass ich mit meinen fünfzehn Jahren höchstens ein Jahr älter aussah, bestenfalls, trotz des Barts, eines Jungenflaums, aber was kümmerte mich das schon. Ich war entschlossen in die Erwachsenenwelt einzudringen und hatte das natürliche Recht dazu. Wehe dem, der mir im Weg stand.

 

„Das werden wir schon sehen, zeig mir doch mal deinen Führerschein“, rief der Giftgrüne höhnisch, während er zu seinem Büro lief, einem kleinen Kabäuschen. Ich knallte ihm frech meinen Führerschein aufs Pult, den sie mir oben in der Bronx verpasst hatten, für 50 Dollar. Er glotzte auf diesen alten Lappen mit stümperhaft eingepapptem Foto, eine grauenhafte Fälschung, zu etwas Besserem hatte mein Geld nicht gereicht. „Wie kommt so ein junger Spund zu so einem ausgeleierten Ausweis“, schrie er und hing auch schon am Telefon mit der Zentrale.

 

„Dieser Schuft“, dachte ich, „der will mich hier rausbugsieren und meinen Trip nach Mexiko sabotieren“. Ich zerrte an der Strippe und hielt ihm den zusammengeleimten Führerscheinlappen unter die Nase, wedelte damit vor seinen Augen hin und her. „Hier ist der Beweis“, kreischte ich dabei, „ich habe keine Zeit und will jetzt mein Auto haben“. Der Mann stand auf, versuchte mich wegzuschieben und wand sich gegen die Ecke seines Büros um mich abzudrängen. „Der Junge ist nicht alt genug“, hörte ich ihn am Telefon sagen, „der kann doch nicht die Kiste nach Texas fahren“. Ach, von der Antwort hing jetzt alles ab. Ich baute mich aufdringlich vor dem Burschen auf und hätte ihm am liebsten den Hörer aus der Hand gerissen, um die rechte Antwort zu erzwingen. Anscheinend war das Glück auf meiner Seite, denn am anderen Ende sagten sie so etwas wie „it’s a closed deal“ und „das kann man jetzt nicht mehr rückgängig machen, das Fahrzeug soll in einer Woche in Texas sein“. Der Kerl wurde der Sache schließlich überdrüssig, er gab widerstrebend nach und maulte noch, „dann soll er halt die Karre zu Schrott fahren“, und es klang wie eine Verfluchung, ein Bannstrahl. Dann hängte er auf.

 

„Wo ist das Auto“, fragte ich. „Dort“, knurrte er grimmig und wies zur anderen Seite, aber in der ganzen Werkstatt stand nur ein langgestreckter Wagen, ein Taxi, gelb, mit schwarzen Streifen. „Ich meine das Auto, das ich nach San Antonio überführen soll“, sagte ich gereizt. „Es ist eben erst reingekommen“, gab er zurück, „nur keine falsche Hast, mein Lieber, meine Leute arbeiten noch dran.“ Da wurde mir klar, dass sie dem Käufer auf seiner Farm in Texas ein ausgedientes Taxi angedreht hatten, einen Ford Biscayne, der schon bessere Tage gesehen hatte. Ich schlenderte hinüber und sah zu, wie einer der Mechaniker gerade das Taximeter aus dem Armaturenbrett herausriss, einen riesigen Klumpen teigige Füllmasse hineinschmierte und nach einer Weile mit der Schleifmaschine einebnete. Ach ja, Amerika, alles ist möglich mit der rechten Füllmasse.

 

Eine halbe Stunde später sprang ich in den Führersitz und manövrierte die Kutsche aus der Werkstatt, warf dem Giftgrünen noch einen bösen Blick zu und dann nichts wie raus, ab auf die Straße nach Manhattan.

 

Als ich an einer der Ampeln wartete, riss ein Mann die rückwärtige Seitentür auf, rief „Thirtyfour and Park“ und saß auch schon im Fond. „Hören Sie mal“, sagte ich, „das Taxi ist außer Betrieb“. „Um Gottes willen“, stöhnte er, „tun Sie mir das nicht an, ich hab’s wahnsinnig eilig, hier sind zwanzig Dollar“. Das überzeugte mich, und bald setzte ich ihn auf der Park Avenue ab.

 

Der Mann hatte mich auf eine Idee gebracht. Hier hatte ich die Chance, ein paar Kröten zu verdienen. Ich beobachtete die Taxis, die auf der Park Avenue zwischen den schlanken Prachtbauten rauf und runter fuhren, alle gelb und schwarz, gelb und schwarz wie Wespen. Zeitweise traten sie in ganzen Schwärmen auf, dann wieder surrten sie einzeln am Bürgersteig entlang, und alle waren emsig, beschäftigt, immer in Eile. Warum sollte ich mich da nicht unmerklich einreihen? Ich wusste, dass diese Taxis nur die Park Avenue bedienten, für einen festen Preis.

 

Kurze Zeit danach hatte ich meinen nächsten Kunden, eine ältliche Frau mit Einkaufstüten, die umständlich auf den Rücksitz kroch und die Tüten um sich scharte wie eine Glucke ihre Küken. Sie schien nichts Absonderliches daran zu finden, dass das Taximeter verschwunden war und drückte mir ohne eine Frage einen Zehndollarschein in die Hand, anscheinend war das der gängige Preis für den Pendelverkehr auf der Park Avenue. Nach vier Uhr kamen dann die Sekretärinnen von der Arbeit, und einige von ihnen rissen die Beifahrertür auf und schoben sich herein, mit den nackten Beinen zuerst, dann die hochgerafften Brüste. Sie machten anzügliche Bemerkungen und gaben sich gar keine Mühe, ihre Geilheit zu verbergen. Ein bisschen Sex war ja auch keine schlechte Idee nach einem Tag eintöniger Büroarbeit. Aber das war nur als Egotrip, als erotische Spielerei gedacht, reines Sekretärinnengeschwätz eben, Flirten und Anmachen, ins Bett auf die Schnelle waren die nicht zu kriegen. „Cockteasers“ sagt man hier.

 

Es wurde Abend und ich lungerte am Times Square herum. In einem Schundladen fand ich einen dicken pornographischen Wälzer, der meine Augen überlaufen ließ, mindestens 300 Seiten mit überquellenden rosaroten Weiberbrüsten, Schenkeln, Mösen und Ärschen, zum Glück war kein Mann dabei. Dann legte ich mich auf den Rücksitz meines Gefährts und war gerade dabei mir den Pornoschmöker zu Gemüte zu führen und einen steifen Schwanz zu kriegen, als jemand die Heckklappe aufriss und ins Innere gekrochen kam. Diese Klappe hatte ich überhaupt noch nicht entdeckt. Hinter dem Rücksitz kam eine dünne, bleichgesichtige Gestalt mit randloser Brille zum Vorschein.

 

„Was ist hier los“, schrie ich, und ließ den ganzen lustvollen Fleischsalat auf den Boden schwappen, „kann man denn überhaupt keine Ruhe haben?“ „Das ist mein Zuhause hier“, sagte der Randlose leise und bestimmt, „zumindest für diese Nacht“. „Das wollen wir sehen“, brüllte ich, „raus hier, aber schnell“. Der Mann schien gar nicht beeindruckt von meinem Geschrei und begann schon Anstalten zu machen, sich auf der Ladefläche häuslich einzurichten. Er angelte sich sogar meinen Pornoschinken von unter dem Rücksitz und begann darin zu schnüffeln, und die Fleischmassen mit gierigem Gelabe einzuschlürfen, schmatzend und schnalzend, wie ein Hund sein Fressen runterschlingt. Ich wollte ihn gerade am Kragen fassen, als vom Rinnstein her eine zweite Gestalt dahergeschoben kam und sich in den Wagen hineinwand wie eine Schlange. „Das kann ja heiter werden“, dachte ich.

 

Da kamen sie auch schon von allen Seiten und aus allen Ecken und Ritzen gekrochen, innerhalb von Minuten fast ein Dutzend zwielichtige Kreaturen, auch ein paar verkommene Frauen dabei, eine Schlangenbrut, die sich hereinwälzte und sich in der Kiste ausbreitete, bis sie überquoll und für mich kein Platz mehr war. Sie begannen angeregt miteinander zu züngeln und zu labern, bewegten sich hin und her in trägem Rhythmus wie Kaulquappen, saßen herum wie in einer Badewanne, in der das Wasser auf und nieder schwappt, und richteten sich geradezu saubehaglich ein wie in einem Schweinekoben. Von mir nahmen sie nicht weiter Notiz.

 

Gegen diese stinkende und verdreckt Meute anzugehen war hoffnungslos, ekelhaft und ohne praktischen Nährwert. Sollte ich die Polizei rufen? „Lieber nicht mit meinem Führerschein und Kindergesicht“, dachte ich. Ich nahm angewidert Reißaus und machte mich in die nächste Pension in einer schmierigen Seitengasse, um die Sache zu überträumen.

 

Ich träumte von überschwappenden Brüsten und geilen Schenkeln und feisten Mösen und roten Ärschen, Schlangen, Echsen, Fröschen, Kröten, Schnecken und Mäusen, alten Männern mit Schildkrötenhälsen und zarthäutigen, zum Opfertod aufbereiteten Jungfrauen, und alles züngelte, kroch, schleimte, brodelte, quoll und schwappte wie in einem riesenhaften Kochtopf mit Eingeweiden … ein Festtagsschmaus für Kannibalen. Davor hüpfte der Giftgrüne aus der Werkstatt auf und ab und krähte, „die Kutsche ist weg, die Kutsche ist weg, geklaut, verramscht, ein für alle mal verschwunden, ich hab dir schließlich doch noch deinen Trip vermasselt“ und sein schrilles Lachen drehte mir den Magen um. Dann sah ich mich selbst in wildem Lauf auf die Park Avenue rennen, wo ich das Taxi zurückgelassen hatte, und es war tatsächlich weg, weit und breit nicht zu sehen, nur der zerfetzte Pornowälzer lag im Rinnstein und ich kroch auf allen Vieren herum und sammelte die Fetzen ein und stopfte sie ganz unten in meinen Seemannssack. Später erblickte ich mich in der Ferne auf dem Highway nach Washington, am Straßenrand stehend, im Schatten von Hochhäusern und Wolkenkratzern, ganz klein und verblasst wie auf einem vergilbtem Schwarzweißfoto, allein und hoffnungslos, im verzweifelten Bemühen mit einem von den zu Tausenden vorbeirauschenden Autos einen Lift zu kriegen.

 

Als ich am Morgen aufwachte, versuchte ich, den ganzen Albtraum abzuschütteln wie ein triefender Hund das Wasser abschüttelt. Ich lief gleich zur Park Avenue und konnte auch das Taxi von weitem schon erspähen, gelb und schwarz, was für ein Glück. Es war leer. Die Türen standen offen, ein Fenster war eingeschlagen, die anderen waren runtergekurbelt, die Sitze verdreckt, die Heckklappe verbeult, und der Pornoschinken war in seine Einzelteile zerlegt, mit den Fetzen im ganzen Wagen verstreut. Ansonsten war das Auto intakt.

 

Ich hüpfte hinein, steckte den Schlüssel in die Zündung und, Gott sei Dank, es schüttelte sich und sprang an. 
 Jetzt aber nichts wie fort. Ach, Bäume wollte ich sehen und Wiesen, grasende Pferde und Kühe, Felsen, Seen, Flüsse und Meer, Wind und Sonne und Sternenhimmel und irgendwo vielleicht ein hübsches, unverdorbenes Mädchen dazwischen. Ich drehte das Radio auf und fuhr los, rauschte über weite Landstraßen durch tiefe Räume hinunter nach Florida und zum Mississippi mit New Orleans, Texas entgegen. Oh New York, du Satansnest, wenn ich an dich denke, erflehe ich totale Amnesie, ein immerwährendes Vergessen auf alle Ewigkeit.

 

 

© Maniwolf – Deutsches Original