Unterwegs...
Die Frage
Gestern traf ich meinen Vater. Ich war nach vielen Jahren wieder in unsere Stadt gekommen, nicht aus einem besonderen Grund, wie ich mir einredete, sondern aus einem unbestimmten Antrieb heraus, den ich mir nicht weiter erklären wollte. Es war gegen Abend, als ich vor einem Hutgeschäft in einer der engen, düsteren Altstadtstrassen, die zum Fluss hinunterführen, auf ihn stieß, einen betagten, rüstigen Mann, der sorgfältig die Auslage studierte. Er hatte die Arme auf den Rücken gelegt und sich nach vorne gebeugt – vermutlich seiner Kurzsichtigkeit wegen, und auch weil es seine Art war, die Dinge, wenn schon, wirklich genau zu betrachten. Sein Gesicht war blass, fast faltenlos, die Lippen schmal.
“Vater”, sagte ich und schaute ihn groß an, “wie kommst du denn hierher?” Freundlich streckte ich ihm meine lächelnde Hand entgegen, ihm, der in den letzten Jahren vor seinem Verschwinden nur meine drohende und jähzornig erhobene Faust erlebt hatte, so hatte ich ihn gehasst. Er schien es nicht weiter seltsam zu finden, dass wir uns jetzt hier begegneten, und als ich seinen scheuen Blick einfing, wusste ich, dass er insgeheim auf mich gewartet hatte.
Friedvoll-leidend überließ er mir seine Hand. “Ich möchte mir einen neuen Hut kaufen”, sagte er mit schwacher, fast flüsternder Stimme, “aber mir scheint, man hat nicht das, was ich suche, nur diese neumodischen Hütchen ohne Einfassung an der Krempe, auch die Farben behagen mir nicht, anthrazit soll er sein, dunkler als der und nicht so trist wie der”, und damit deutete er auf zwei Hüte im Schaufenster. Erst jetzt vergegenwärtigte ich mir, was für ein eigenartiges Ding er da auf dem Kopf hatte, einen zerknautschten, schmierigen, ehemals weißen Lederhut mit riesiger, abenteuerlich verbogener Krempe, wie ihn manchmal die Cowboys in den Western tragen, nein, das sah nun wirklich komisch aus auf seinem wohlerzogenen, mitteleuropäischen Schädel. Ich sorgte mich um ihn, befürchtete, dass vielleicht einer seiner Bekannten vorbeikäme und ihn wegen dieses Hutes für nicht ganz richtig im Kopf hielte. Aber nur drei junge, haarige Männer latschten auf der anderen Straßenseite hintereinander am Rinnstein entlang und mir wurde klar, dass seit seinem Fernbleiben vor sieben Jahren viele seiner Bekannten ebenfalls verschwunden waren, oder sich in ihre Wohnungen verkrochen hatten.
“Vater”, fragte ich, “wie kommst du zu diesem kolossalen Hut?” Da fingerte er ertappt und unsicher an ihm herum und sagte leise, mit entgeistertem, verwirrtem Blick: “Ich muss doch einen Hut wegen meiner empfindlichen Kopfhaut tragen”, und ich erkannte, dass er gar nicht erfasste wie lächerlich er aussah, der gestrenge Herr Direktor unter einem zerbeulten Cowboyhut! Und ich sagte nichts mehr, um ihn nicht zu kränken, und eigentlich, im Nachhinein, mir persönlich, gefiel der Hut, ja – ausgesprochen, er war doch sehr originell.
Ein warmes Gefühl der Nähe durchlief mich, als ich bemerkte, wie mager mein Vater geworden war, auch war sein Anzug etwas abgetragen, nicht schlampig, nein, aber doch dünn und dürftig sah er aus, so wie uns heute die Kleider der Leute auf den Fotos nach dem letzten großen Krieg erscheinen.
Und da fiel mir ein, dass ich nicht zufällig in unsere Stadt gekommen war, ich hatte meinen Vater g e s u c h t. Heute wollte ich wirklich mit ihm s p r e c h e n und ihm insbesondere die eine entscheidende Frage stellen, die mich schon lange quälte – solange ich zurückdenken konnte. Eine Frage, die quer durch meine Albträume waberte und die Zellen meines Gehirns zerfraß, und die nur er, wenn überhaupt jemand, beantworten konnte. Oft schon hatte ich angesetzt zu dieser Frage, aber jedes Mal wurde ich durch einen offensichtlich von langer Hand geplanten, unerklärlichen Eingriff in meiner Absicht gestört, sei es, dass irgendeine alltägliche Ablenkung dazwischenkam, oder dass mein Vater unserem Gespräch plötzlich anscheinend ahnungslos eine andere Wendung gab, oder aber – und das war das Schlimmste – dass, kaum hatte ich meinen Mund aufgetan, um die Gelegenheit wahrzunehmen, sich mein Gehirn sofort an nichts mehr erinnern wollte und ich nur ein paar zusammenhangslose Worte daherstammelte, sodass mich mein Vater verständnislos ansah und ich froh war, wenn er mich unterbrach.
Diesmal aber wollte ich ganz behutsam und umsichtig vorgehen und mich durch nichts verwirren lassen.
“Komm Vater”, sagte ich und versuchte ihn von der Auslage wegzuziehen, “lass uns einen Kaffee trinken gehen, auch möchte ich mit dir über einiges sprechen, was für uns beide bedeutsam sein wird”.
“Das geht doch nicht”, stöhnte er da laut auf und starrte wild-verwirrt auf die großen Ziffern seiner Armbanduhr, „ich habe doch noch zu arbeiten“. Jäh richtete er seine preußisch-blauen Augen mit überraschender und bedrohlicher Festigkeit auf mich und sein Gesicht verwandelte sich in das der frühen Jahre, mit bösem, furchterregendem, Blick, der mich ein Leben lang verfolgt hatte, ohne Entrinnen, wo immer ich auch stand und ging. Streng und strafend traf mich dieser Blick, wütend bis in die Tiefen meines Gedärms, sodass ich bleich, erschreckt vernichtet zurückwich. „Es ist meine Pflicht, das weißt du, das hättest du wissen müssen“, schleuderte er mir entgegen. Außerdem muss ich diesen neuen Hut kaufen, zumindest versuchen muss ich, den passenden zu finden.”
Ohne dass ich ihn noch hätte aufhalten können, wandte er sich abrupt zum Geschäft, öffnete hastig die Tür und verschwand. Ich wollte ihm nachstürzen, er konnte doch nicht einfach weglaufen und mich zerstört zurücklassen! Da versperrte mir ein großer, vornehm gekleideter Herr den Weg. “Ich muss zu meinem Vater”, schrie ich.
“Hier gibt es keinen Vater“, sagte er mit Betonung und fast beruhigend, “das ist ein Hutgeschäft und zudem müssen wir jetzt schließen”, und dabei wies er mit der Hand auf die Glasuhr an der Straßenecke, zog das Eisengitter vor die Tür, bis das Schloss einschnappte, schlug mit kurzem Knall die Tür zu, drehte den Schlüssel im Schloss zweimal herum und ließ mich draußen stehen – ohnmächtig, mit geknebelter Zunge, die Lippen matt.
© Maniwolf – Deutsches Original
Die Schwester oder Hühner und Menschen
Die Schwester galt von jeher als eigenartig. Sie lief singend und trällernd durchs Haus, sodass der Vater schimpfte: „Lass das Gedudel, ich brauche meine Ruhe.“ Wenn sie lachte, sagte er: „Lach nicht so viel, davon bekommst du einen großen Mund“, und wenn sie zu weinen anfing, hieß es: „Hör auf zu weinen, davon wirst du hässlich“. Blätterte sie in den Illustrierten mit den Filmstars, sagte die Mutter: „Hast du denn überhaupt nichts zu tun?“ Und wenn sie sich allein in den Garten zurückzog, musste sie hören: „Warum hast du denn gar keine Freundinnen?“Sie war in der Tat unpopulär und auch ich, ihr jüngerer Bruder, mied sie. Ich trieb mich den ganzen Tag mit meinen Freunden herum und sah in ihr ein unverständliches Lebewesen, mit dem wir nichts anfangen konnten.
Dies war in der Zeit nach dem Großen Krieg, als sich die Leute nach dem Chaos langsam wieder aufrappelten und ein einigermaßen geregeltes Dasein anstrebten. Die Familie lebte in einer Vorstadt am Rhein, eigentlich einer besseren Wohngegend, die aber von den amerikanischen Bombern stark zerstört worden war, weil sie an eine große Traktorenfabrik grenzte. Da es an allem fehlte, hielten die Leute Hasen und Hühner, und die Familie hatte im Garten hinter dem Haus ein Gehege mit einer Schar Hühner. Es waren wohl anfangs fast ein Dutzend Hühner, und ich kann mich auch schwach an einen schrillen Hahn erinnern.
Während wir alle die Hühner nur als Kreaturen betrachteten, die zum Eierlegen auf der Welt waren, entwickelte die Schwester eine ungewöhnliche Liebe zu dieser Geflügelschar. Wir sahen sie stundenlang im Hühnergehege herumgeistern. Sie legte jedem ihrer Lieblinge einen besonderen Kosenamen zu und ging sehr zartfühlend mit ihnen um, streichelte sie, sprach auf sie ein und trällerte ihre Lieder. Die Hühner gackerten, scharrten und pickten Körner, und ihre leeren Augen verrieten die Langmut der zeitlosen Kreatur. An denkwürdigen Tagen nahm die Schwester auch die ganze Schar auf einen Ausflug in den Garten, ermahnte sie liebevoll, ihr zu folgen, und gab sich Mühe sie zusammenzuhalten wie eine Glucke ihre Küken. Dann versammelte sie ihre Lieblinge um sich und versuchte sie mit vermeintlichen Leckerbissen wie Löwenzahn und Butterblumen und Vergissmeinnicht zu füttern.
Da die Familie daran gewöhnt war, dass die Schwester ausgefallenes Gebaren an den Tag legte, war niemand weiter überrascht von dieser letzten Marotte. Die Lage nahm aber dadurch eine finstere Wende, dass die Schwester zur gleichen Zeit des Nachts von schlimmen Albträumen heimgesucht wurde. Sie brachte die ganze Familie auf Trab, indem sie mitten in der Nacht laut zu schreien anfing, aus ihrem Zimmer gelaufen kam, die Treppe hinunterrannte und zum Hühnergehege stürmte, um nachzuschauen, ob ihre Lieblinge noch alle da waren. In ihren wiederkehrenden Albträumen brachen nämlich Wölfe und Füchse ins Gehege, oder Habichte und Bussarde stürzten sich vom Himmel herab, um die Hühner zu verschlingen.
Um ihr Lieblingshuhn Schwärtzel war die Schwester besonders besorgt. Schwärtzel war kleiner und schlanker als die anderen Hühner, sie war auch das jüngste Huhn, das zuletzt angeschafft worden war. Ich verstand nie, warum sie Schwärtzel genannt wurde, denn ihre Federn waren dunkelbraun mit hellbraunen und weißen Flecken.
Die Schwester verbrachte viel Zeit mit Schwärtzel und verwöhnte sie ausgiebig. Wenn es kalt wurde schleppte sie die mit heißem Wasser gefüllten kupfernen Wärmflaschen aus ihrem eigenen Bett herbei und streifte Schwärtzel ein eigens gestricktes rosarotes Wolllaibchen über. Manchmal quartierte sie Schwärtzel auch in der neben dem Gehege gelegenen Waschküche ein, um sie gegen Kälte und wilde Tiere zu schützen. Nur der entschiedene Widerstand der Eltern hielt sie davon ab, Schwärtzel auf ihr Zimmer, in ihr Bett zu nehmen.
Ich dachte nicht, dass Schwärtzel ein ungewöhnliches Huhn sei, aber die Schwester sagte, sie verfüge über übersinnliche Fähigkeiten. Sie nahm sie auf den Schoß, legte ihr goldene Halsbänder um, ordnete mit Hingabe ihre Federn und hielt stundenlang mit ihr Rat. Schwärtzel ließ sich alles gluckernd gefallen.
Am Ende einer solchen Sitzung behauptete die Schwester dann, dass sie mit Schwärtzel in die Zukunft geschaut hätte. Das fand ich dann doch aufregend und ich fragte neugierig, was sie denn dort gesehen habe, in der Zukunft. Dann drückten ihre wassergrünen Augen grenzenloses Mitleid aus, sie rümpfte ihre spitze Nase, verzog unwillig ihren festen Mund und ließ in herablassender Miene durchblicken, dass es mit uns allen ein böses Ende nehmen würde.
Als sich die Zeiten besserten, wurden keine neuen Hühner mehr angeschafft, und ihre Zahl verminderte sich allmählich durch natürlichen Abgang. Eines Tages erschien auf Anweisung des Vaters ein Mann von einer Hühnerfarm draußen auf dem Lande, um die letzten drei Hühner abzuholen, darunter auch Schwärtzel.
Als der Schwester klar wurde, dass ihr die Hühner weggenommen werden sollten, verfiel sie in ein fürchterliches Gezeter und Geschrei und wälzte sich am Boden in Verzweiflung. Aber der Vater ließ sich von seinem Entschluss durch ihren Anfall nicht abbringen. „Du kannst doch dein Federvieh jederzeit auf der Farm besuchen“, bellte er. Unter Weinkrämpfen legte die Schwester Schwärtzel ein Medaillon um den Hals, um sie gegen etwaige künftige Unbill zu schützen. Dann wurde der Käfig auf den Lastwagen gehievt und die Hühner verschwanden.
Ich erinnere mich, dass die Schwester dann einige Zeit regelmäßig im Omnibus zu ihren Lieblingen auf dem Lande fuhr, bis es mit ihnen zu Ende ging. Als Schwärtzel starb, brachte die Schwester das tote Tier in einer Plastiktüte heim, legte es in einen Holzkasten und beerdigte es zwischen den Stachelbeerstauden und Himbeerbüschen im Garten. Sie lief tagelang heulend und and klagend durchs Haus und hielt die ganze Familie mit Todesfantasien und Selbstmordankündigungen in Atem. Dann versank sie in schier endlose Trauer.
Inzwischen wurden die Zeiten im Nachkriegsdeutschland immer ordentlicher und moderner. Die Leute hatten wieder etwas Vernünftiges zu tun; fast alle waren mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Ihre bitteren Gesichter hellten sich allmählich auf. Dazu wollte es gar nicht passen, dass es, vor allem seit dem Abtransport der Hühner, zwischen der Schwester und dem Vater täglich zu üblen Streitereien kam. Eines Abends, die Schwester war gerade siebzehn geworden, gab es einen besonders hässlichen Streit. Dabei warf die Schwester in einem Wutanfall einen Stuhl vom oberen Stockwerk durchs Treppenhaus, sodass er mit lautem Gepolter in der Diele des Erdgeschosses landete. Noch am selben Abend stürmte die Polizei in unser Haus auf Betreiben des Vaters und holte die Schwester ab. Sie wurde zunächst auf weitere Verwendung abtransportiert. Am nächsten Tag veranlasste der Vater, dass der Hausarzt eine Einweisung der Schwester in die staatliche Nervenheilanstalt im Schwäbischen ausschrieb.
In der Anstalt fütterten die Ärzte und Krankenpflegerinnen sie täglich mit vielerlei Medikamenten und entschieden, es sei ihr sonst nicht weiter zu helfen. Die Medikamente hatten strenge, achtungsgebietende Namen, aber die Schwester hasste sie. Sie sagte sie gäben ihr Augenkrämpfe, Rückgratverkrümmungen, Atemnot, Keuchhusten und Sprachlähmungen, so dass sie bei den Arztvisiten nicht reden könnte und jeder einen verkehrten Eindruck von ihr bekäme. Manchmal weigerte sie sich auch, die Tabletten zu schlucken und wehrte sich, wenn die Pflegerinnen sie zwangsweise verabreichten. Dann wurde sie wegen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes in die geschlossene Abteilung mit strenger Überwachung und Disziplinierung gesteckt.
Nach sieben Jahren in der Nervenheilanstalt wurde die Schwester schließlich entlassen. Man fand für sie eine kleine Dachwohnung in einem langgestreckten Gebäudekomplex in einem kleinen, halb ländlichen Ort nahe der Stadt, wo die Mieten niedriger waren. Sie war arbeitsunfähig und das Sozialamt kam für die Miete auf. Sie klagte viel über die Folgeleiden der Medikamentenbehandlung und ging von einem Arzt zum andern auf der Suche nach Linderung. Kein Arzt konnte die Ursache ihrer Beschwerden finden. Die allgemeine Ansicht der Eltern und Nachbarn war, dass sie faul und arbeitsscheu sei und simuliere.
Wenn ich zu Besuch nach Deutschland kam, schaute ich immer in ihrer Wohnung vorbei. Ich schlug dann vor, Spaziergänge zu machen in dem nahen Forst, aber die Schwester bestand darauf, mir ihre Schätze vorzuführen. Zu dieser Zeit hatte sie nämlich eine ganz besondere Liebe für exotische Länder entwickelt und unter denen hatte es ihr vor allem Brasilien angetan. Ihr Zimmer war vollgestopft mit jeder Menge Fundstücke von indigenen Kulturen, die sie bei ihren Ausgängen auf den Flohmärkten und Trödlerläden der nahen Großstadt aufstöberte: Groteske Masken und schrille Fratzen, vergilbte Fotografien, bunte Armbänder und Halsketten, Nasenringe und Pfeilspitzen, Speere und Schilde; Pfeifen, Flöten und Trommeln; Tonbehälter, Eßschalen und Trinkgefäße; Stirnbänder, Gürtel und Ponchos; Halstücher, Federn und Perücken, in allen Formen und Farben.
Die Sammelstücke häuften sich auf dem Fußboden, füllten die Regale, hingen an den Wänden und baumelten von der Decke herab, sodass wir uns gebückt durchs Zimmer bewegen mussten, und ihre besten Schätze nur auf dem Fußboden kriechend erreichen konnten. Mit jeder dieser Raritäten hatte es seine eigene, besondere Bewandtnis, die sie mir mit der Hingabe eines Kindes und der Eindringlichkeit einer Sammelsüchtigen in einem sich ständig steigernden Wortschwall gestenreich auseinandersetzte, während ich unter ihren überwältigenden Wortkaskaden nach Atem rang und unter der erdrückenden Last der Sammelsurien schier zusammenbrach. Schließlich trieb sie mich in eine Ecke des Zimmers nahe am Fenster, zog einen Schleier beiseite und präsentierte mir unter Schluchzen und Klagen ein übergroßes, frohsinnig koloriertes Foto in goldenem Rahmen, das ihr Lieblingshuhn Schwärtzel in besseren Tagen zeigte. Das Bild war mit künstlichen gelben und roten Rosen umkränzt und stand auf einem mit grünem Tuch bespanntem Podest wie auf einem Altar.
In der Verwandtschaft nahm man allgemein an, dass es der Schwester jetzt nach der Entlassung aus der Anstalt besser ginge. Aber als ich im letzten Juli wieder Deutschland besuchte und mich in der Wohnung der Mutter aufhielt, klingelte gleich am ersten Nachmittag ein Polizist heftig an der Haustür und wollte mich dringend sprechen. Er kam die Treppe heraufgekeucht, ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen und erklärte mir dann: „Ihre Frau Schwester wurde gestern tot in ihrer Wohnung aufgefunden“. Dabei übergab er mir einen winzigen nummerierten amtlichen Zettel, auf dem sorgfältig der Name der Schwester eingetragen war und neben „Todesursache“ stand: „unbekannt“. Er war sichtlich erleichtert, dass er sich seiner Nachricht entledigt hatte und wollte dann gleich zu einer leichten Unterhaltung über Amerika übergehen. „Ja“, fragte er, „ich höre Sie wohnen in Los Angeles, wie lebt es sich denn dort? Muss ja interessant sein, ich habe einen meiner Neffen in der Gegend“, fuhr er fort, während ich mich entsetzt an dem ärmlichen Formular festzuhalten versuchte.
Als ich am selben Abend noch in der Behausung der Schwester ankam, stand der Eigentümer schon da. Sofort fiel mir die merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Vater auf, der gleiche strenge Blick, die schmalen, blutleeren Lippen, die wässrigen Augen, die dünne, freudlose Beamtenstimme. Er eröffnete mir, dass sich die Schwester nach dem Bericht der Ambulanz mit einer Überdosis Schlaftabletten umgebracht hatte. Ihre Wohnung war am Morgen meiner Ankunft aufgesperrt worden, nachdem sich schließlich die Nachbarn über den eigenartig süßlichen Geruch beschwert hatten. Die Leiche musste dort wochenlang gelegen haben, ohne dass vorher jemandem etwas aufgefallen war. Tausende von Schmeisfliegen hatten sich über die Leiche hergemacht und der Gestank war unerträglich. Die Männer, die die Schwester am Nachmittag herausgetragen hatten, mussten erst mehrere Schnäpse kippen, sagte er, sonst hätten sie den penetranten Leichengeruch und den grausigen Anblick nicht ertragen können.
Der Hauseigentümer lud mich dann unter Beileidsgehabe mit überraschender Freundlichkeit in seinen nahegelegenen Bungalow ein, wo seine Familie versammelt war. Auch der Hausadvokat war zufällig eingetroffen. Sie begrüßten mich alle als Erben und neuen Wohnungsinhaber und behandelten mich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit. Der Advokat drückte mir einen Schlüsselbund in die Hand und erklärte „Die Wohnung gehört jetzt Ihnen“ und ich bedankte mich für seine Großzügigkeit. Alle redeten auf mich ein, und der Advokat rückte einen Stuhl zurecht, bat mich Platz zu nehmen. Mit weitausholenden einladenden Handbewegungen forderte er mich auf eine bereits vorbereitete Erklärung zu unterschreiben. „Es ist nur eine Formsache“, sagte er, „und im besten Interesse ihrer Frau Schwester“. Ich unterschrieb nicht. Im Nachhinein stellte sich bei näherem Hinsehen heraus, dass ich als Erbe für alle Folgeschäden aufkommen sollte, auch dafür, dass die Wohnung infolge des Leichengeruchs auf Monate oder sogar Jahre hinaus unbrauchbar werden sollte.
Am nächsten Vormittag, es war ein Samstag, machte ich mich wieder auf den Weg zur Wohnung der Schwester. Da ich wegen des Ansinnens des Advokaten das Erbe ausgeschlagen hatte, konnte ich nur ein paar persönliche Gegenstände an mich nehmen. Darunter waren auch Berge von Zetteln und Heften mit Notizen in ihrer reinen Kinderhandschrift. Und auch ein dicker Leitzorder mit Briefen fiel mir in die Hände. Später fand ich darin einen säuberlich getippten Brief an den Deutschen Bundestag, in dem die Schwester ihre Leiden schilderte und eindringlich um Hilfe flehte.
Inzwischen war ein Schlepper vorgefahren und manövrierte einen langgestreckten Müllbehälter unter das Fenster der Dachwohnung. Ein Sonderkommando der Müllabfuhr war abgestellt worden und ich kam gerade dazu als ein paar kräftige Männer sich fluchend die Treppen hinauf wälzten und begannen, den gesamten Inhalt der Behausung mit allem Sammelsurium aus dem Fenster zu kippen. Nachbarn tauchten auf, redeten aufeinander ein und machten neugierig-bedenkliche Gesichter. Staunend folgten ihre Augen dem Niederprasseln der merkwürdigen Fundstücke. Das waren offensichtlich ernsthafte Menschen mit aufgeräumten Wohnungen und die Verwunderung darüber, was für ein sonderbares Wesen in ihrer Mitte gehaust hatte, wollte kein Ende nehmen. Kinder kamen daher gerannt, blieben atemlos stehen, um ehrfürchtig und zugleich beglückt dem Spektakel zuzuschauen. Ein regelrechter Menschenauflauf entstand bis zum Mittag, währenddessen die Stimmung sich auflockerte und geradezu fröhlich wurde. Schliesslich war dies ein harmloser Ort, und diese Mischung aus Karneval und Leichenbegängnis war schon ein einmaliges Ereignis, das gebührend gefeiert werden musste.
Die Kinder hielten sich an den Händen fest und stießen Rufe der Begeisterung aus wie bei einem Silvesterfeuerwerk, sobald ein besonders kurioses Stück an ihnen vorbeisegelte. Nach einigen kleineren neten die Prachtexemplare herunter, ein indigener Schrumpfkopf, eine farbenreiche Totenmaske, ein ausgestopfter Stierschädel mit Hörnern, und ganz am Ende kam auch das große, farbenprächtige Bild Schwärtzels aus dem Fenster geflogen und landete im Müllbehälter. Dann wurden noch ein paar alte Möbelstücke heruntergetragen und die Vorstellung war zu Ende. Der Container wurde abgeschleppt und die Leute verliefen sich.
Gerade als ich weggehen wollte, kam noch der Hauseigentumer in einer schwarzen Mercedeslimousine zufällig dahergefahren. Er starrte mich durch das Wagenfenster mit wütendem Blick an, tiefer Hass kam mir aus seinen Augen entgegengesprungen. Er ließ das Fenster geschlossen und kein einziges Wort wollte aus seinem aufgerissenen Mund kommen, ja, ich hatte den Eindruck, dass er mich anbrüllen wollte und an den Worten würgte. In seinen bösartigen Augen konnte ich sehen, dass er sich am liebsten auf mich gestürzt hätte, um mich zu vernichten. Wie der Vater!, dachte ich. Ich wandte mich erschrocken ab, atmete tief durch, und dann nichts wie fort! Mir wurde klar, dass hier nichts mehr zu holen war.
Die Überreste der Schwester wurden in einem Krematorium aufbereitet und die Urne wurde mir an einem der nächsten Tage zugestellt zur weiteren Entsorgung. Die Verwandtschaft wehrte sich entschieden dagegen, die Urne der Schwester am Rande des Familiengrabs beizusetzen. Ich hatte den Eindruck, dass die guten Leute Angst hatten, die finsteren Geister der Schwester könnten die anderen Toten im Grab infizieren.
Was tun mit einer heimatlosenUrne?
Ich fuhr dann mit der Urne herum, bis ich in einem Dorf ganz in der Nähe der Hühnerfarm einen Friedhof mit einer Urnenabteilung fand. Als ich im Büro der Friedhofsverwaltung ankam, war der Beamte gerade mit Hingabe beim Mittagsessen. Er hatte fettiges Einwickelpapier mit einem leckerhaft braungerösteten Hühnchen und Pommes Frites auf seinem Schreibtisch ausgebreitet, daneben lagen schon ein paar abgenagte Knochen. Nur widerstrebend und mit saurem Gesicht erledigte er die Formalitäten. Er wollte sich nicht die Mühe machen aufzustehen, seinen Hühnchenschmaus weiter hinauszuzögern, und die Einschließung der Urne selbst vorzunehmen. Stattdessen händigte er mir entgegen den amtlichen Vorschriften einfach den Schlüssel zum Urnenfach aus mit der Bitte um Rückgabe.
Die Beisetzung fand in aller Stille statt. Ich schob die Urne ins Fach, zündete die mitgebrachte Kerze an und stelle sie vors Urnenfach. Ich war der einzige Anwesende. Es widerstrebte mir den Schlüssel dem Beamten zurückzugeben, entschloss ich mich ihn an mich zu nehmen und verschwand.
Es zog mich dann bald nach Südamerika. Das Urnenfach sollte ich nicht mehr sehen. Den Schlüssel trug ich noch jahrelang mit mir umher, bis er eines Tages bei einem Umzug im Süden Brasiliens verloren ging.
© Maniwolf – Deutsches Original
Warnhinweis: Diese Geschichte kann für manche Leute verstörend sein. Lies sie nach eigenem Ermessen!
Die unwahrscheinliche Ermordung des Adolf Hitler
Der Tag, an dem ich Adolf Hitler umbrachte, war ein gewöhnlicher Tag. Der Mord war ja auch nicht geplant. Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich anmerken, dass ich jedem, der einen Tyrannenmord im Sinn hat, rate, so wenig wie möglich zu planen. Je weniger geplant wird, desto weniger kann schief gehen. Viel wichtiger als ein Plan ist die Fähigkeit, die Gegebenheiten scharf zu beobachten; sich ihnen selbstlos und geschmeidig anzupassen; die rechte Gelegenheit schlafwandlerisch zu erkennen; diese Gelegenheit unbedingt und hemmungslos zu nützen. Und das Rezept fürs Überleben danach? Lauf um dein Leben, solange dich keine Augen sehen, aber wenn dir Blicke folgen, mach dich davon so wie du gekommen bist, gleichmütig, am besten mit den Händen in den Hosentaschen eine Melodie pfeifend, nur keine falsche Hast. Als ein unbestreitbar erfolgreicher Attentäter könnte ich hier noch so manchen Rat austeilen, aber ich möchte mich nicht von meinem Bericht ablenken lassen, und ich glaube auch, dass dieser Bericht für sich selbst spricht: Ein aufmerksamer Leser wird zwischen den Zeilen wertvolle Hinweise für den gelungenen Tyrannenmord finden.
Ich stand in der Nähe des Tors zu den Arbeitsräumen in der zweiten Etage der Reichskanzlei in Berlin; wer will, kann sagen, ich trieb mich dort herum und lauerte meinem Opfer auf. Ich muss allerdings hinzufügen, dass ich ihm nicht mehr auflauerte als an jedem anderen Tag. Adolf Hitler war es gewohnt, mich in seiner Nähe zu sehen; als sein bevorzugter Dolmetscher für die nordgermanischen Sprachen hatte ich sozusagen intimen Umgang mit ihm.
Am späten Morgen sah ich ihn, wie üblich mit festem Schritt und entschlossenem Blick, der glänzende Interpret seiner eigenen Choreografie, in der stattlichen Säulenhalle vor den Arbeitsräumen auftauchen mit einem Schwarm schwarz vermummter Menschen im Tross, die sich als katholische Würdenträger entpuppten. Als er vor dem Eingang diese Gruppe mit konziliantem Gehabe entließ, dann eine Anzahl von Supplikanten, die sich schräg von rechts zwischen den Säulen wie ein Sonnenstrahl auf ihn zuschoben, mit herrischer Gebärde abwies, und sich allein der Toröffnung zuwandte, sagte mir ein dunkles Gefühl im Bauch, dass es jetzt soweit war. Ich hatte mich inzwischen unmerklich zum Tor hin bewegt, und mich dort scheinbar zufällig seitwärts postiert, wobei ich mir einen Anschein von zeitläufiger Gegenwart und unaufdringlicher Bescheidenheit gab. Ich wusste, dass er gerade diese einfügsame Zurückhaltung besonders an mir schätzte. Als sein Blick auf mich fiel, merkte ich, dass er einem kurzen Austausch nicht abgeneigt war. Ich gab vor, mit einigen Fragen gekommen zu sein, die den Modalitäten der nächsten Ratsrunde mit den nordgermanischen Abgesandten galten, und während wir durch die Tore und Türen schritten, begann ich ihm Einzelheiten zu unterbreiten.
Ich kannte Hitler als einen sehr impulsiven Menschen, berechenbar in seiner Unberechenbarkeit wie ein streunender Präriewolf, und ich merkte, dass er zunehmend unruhig wurde, als ich ihm in sein inneres Arbeitsquartier folgte. Das misstrauische Tier begann sich nackt und schutzlos zu fühlen Spürte er, dass er abgedrängt wurde, vielleicht in eine Falle geriet? Als mein Blick seine flackernden Augen streifte, wusste ich, dass er mich schon in der nächsten Sekunde aus seiner Höhle hinausweisen würde. Ich musste jetzt ganz rasch handeln, unmittelbar von Tier zu Tier.
Sobald sich die letzte Tür schloss, und ich auch keinen Leibwächter herumstehen sah, schob ich ihn mit schnellem, grobem Griff in sein persönliches Garderobenzimmer, kickte im gleichen Augenblick die Tür, dass sie ins Schloss fiel, packte ihn am Nacken und nahm ihn in den Schwitzkasten, einen Würgegriff, in dem ich schon von Kindesbeinen an ein Meister war. Ich werde nie seine Augen vergessen; der sonst so scharfe, stechende Blick war in die wässerige Verschwommenheit stumpfer, doch wissender Kuhaugen zerronnen, die in einer Mischung von fassungsloser, grenzenloser Verblüffung und unter Aufbietung einer nur im Angesichts des Schlachtens möglichen letzten, allumfassenden Erkenntnisfähigkeit den wahren Charakter ihres vermeintlichen guten Hirten erleben, der sich in entsetzlicher Entblößung seiner gehässigen, hinterhältigen Grässlichkeit zum gemeinen Schlächter verwandelt hat.
Die Sache wäre möglicherweise nicht gut ausgegangen, wenn mir nicht eine leere Sprudelflasche zu Hilfe gekommen wäre, die förmlich vom Regal her auf mich zusprang, und die ich mit kurzem Griff meiner linken Hand schnappte, sie mit festem Schlag des Flaschenhalses auf seinen Kopf scharf machte, wie es manchmal die Matrosen an dem eisernen Schiffsreling tun, und dann solange in seinen Nacken trieb und bohrte und drehte, gerade wie ein Metzger der an einem Stück rohen Fleisch herumsäbelt, bis mein Opfer blutüberströmt auf den Boden rutschte. Ach, das war ein grässliches Fest von Hieb und Stich, Blut und Geschrei, schlimmer als wenn man ein Schwein auf offener Szene in einem mexikanischen Dorf abschlachtet, durchmischt mit unwillkürlichen gutturalen Wolfslauten einwandfrei hitlerischer Natur, die in geheimem, merkwürdigem Zusammenhang zum Stakkato seinen Reden standen, auf die gleiche arhythmische Art aus den Tiefen seines Bauches herausbrachen und durch den Raum stöberten als führten sie ein Eigenleben.
Nur der Gedanke, eine gute Tat zu vollbringen, half mir in diesem Gemetzel den Kopf klar zu behalten. In der gleichen Sekunde wusste ich jedoch, dass nur ein ganzer Mord ein rechter Mord ist, und obwohl alles in mir nach Flucht schrie, nahm ich mir doch die Zeit, kaltblütig, das mitgebrachte Taschenmesser herauszuholen und damit sorgfältig den Kopf vom Rumpf abzutrennen. Ja, im Nachhinein war das vielleicht der denkwürdigste Augenblick, wie ich neben ihm niederkniete und mit fast liebevoller Sorgfalt, als letzte Gabe auf seinem Weg zum Jenseits, den Coup de Grace verpasste, so wie die hässlichen Schächer mit dem sichelförmig gebogenem Meuchelmesser nach dem wilden Tanz des Stierkampfes das Tier erlösen. „Eine Tat so grässlich wie der Mord an Caesar, Trotzki, nur glorreicher, weil zweifellos gut, gerecht, weltbewegend“, schoss es mir dabei durch den Kopf, dann riss ich mir die besudelte Jacke und Hose vom Leib, wusch mich rasch im angrenzenden Badezimmer ab, deckte mich mit ein paar passenden Kleidungsstücken aus seinem Garderobenschrank ein, hastig, schnell, warf einen letzten Blick auf das blutige Stilleben, drückte mich zur Hintertür hinaus und während durch die vorderen Türen schon die Schergen heulend eindrangen, rutschte ich durch zwei, drei Häuserwinkel, schlenderte jetzt mit den Händen in den Taschen durch die Gassen, in geübter Zurückhaltung, unschuldig wie wachsendes Gras, wie eine Schnecke, die kriecht ohne dass es einer merkt, jetzt ruhig, still, langsam, anpassungsfähig.
Leicht beschleunigend, sprang ich auf eine vorbeikommende Straßenbahn, ja, Straßenbahn, nur keine verräterische Eile, Ameise sein im Ameisenhaufen! Dann aber vorwärtsstrebender menschlicher Flüchtling, auf Touren kommend, getrieben, atemlos, kämpfend, rasend, Schnellzug, Grenze, Schweiz, Flieger, Mexiko, Medienspektakel, Zeitenwende.
Viel ist seitdem geschehen, doch was immer es war „Die unwahrscheinliche Ermordung des Adolf Hitler“: es ist in meine Eingeweide, mein Herz, mein Hirn und meine Haut tausendfach eintätowiert „VOLLBRACHT“.
© Maniwolf – Deutsches Original